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492 Jugendmigrationsdienste in Deutschland

„Corona lässt Kinder verstummen“

Wie wirkt sich die Pandemie auf junge Menschen aus? Eine Antwort von Dani Pendorf, Leiterin des JMD Kiel, im Interview mit den Kieler Nachrichten (KN).

Wer wissen will, wie Kiels Jugend tickt, kann bei Dani Pendorf nachfragen. In normalen Zeiten betreut sie 60 bis 80 Kinder und Jugendliche, doch in diesen Tagen ist auch im Kieler Verein Migration, dessen pädagogische Leiterin Pendorf ist, nichts wie sonst: Ihre Klienten und Klientinnen sieht sie derzeit nur unregelmäßig. Doch was macht die Pandemie mit den jungen Menschen? Dani Pendorf schildert im Interview besorgniserregende Beobachtungen.


Dani Pendorf will junge Menschen aus ihrer Ohnmacht herausholen.

Kieler Nachrichten: Frau Pendorf, Kiels Gesundheitsdezernent Gerwin Stöcken hat kürzlich in den KN an die jüngeren Menschen appelliert, weil es bei denen noch eine Sorglosigkeit gebe. Deckt sich das mit Ihren Beobachtungen?

Dani Pendorf: Nein, gar nicht. Ich erlebe die Jugendlichen als derart folgsam, dass es mich fast schon erschreckt. Die, die zu uns kommen, sind brav, aber mittlerweile auch ideenlos. Die, die zuvor richtig Power hatten, wirken schlafwandlerisch, ja fast schon ohnmächtig. Das Quirlige ist weg. Wenn die Stadt dies aber anders beobachtet und glaubt, dass es wichtig ist, die Jugendlichen mehr miteinzubeziehen, dann hat sie über die Jugendhilfeeinrichtungen einen guten Zugang. Ein Appell in den KN – mit Verlaub – kommt bei Kindern und Jugendlichen eher nicht an. Hilfreicher könnte sein, wenn die Stadt, vielleicht der Oberbürgermeister oder der Stadtpräsident, die Jugendlichen bittet, zum Beispiel Plakate zu erstellen, die Corona erklären. Eine solche Plakataktion, die junge Menschen selbst umsetzen könnten, mit der sie an der Lösung mitwirken, würde sie wieder mächtig machen.

Fühlen Sie sich von der Stadt alleingelassen?

Nein, im Gegenteil. Das Jugendamt unterstützt uns sehr, etwa bei den Hygienekonzepten. Ich bin im Austausch mit vielen Jugendmigrationsdiensten bundesweit – viele von denen beneiden uns um die Hilfe.

Sollte Herr Stöcken Sie also anrufen, hätten Sie schon Ideen, wie Sie die Kinder für das Thema sensibilisieren würden?

Es geht nicht ums Sensibilisieren. Die Kinder tragen alle Masken, halten meist auch Abstand. Viele verstehen aber nicht im Detail, warum wir was tun müssen. Neulich, vor dem „Shutdown Light“, saß ich mit drei Mädchen im VW-Bus, als sie anfingen, laut zu singen. Ich sagte ihnen, dass das in Zeiten von Corona keine gute Idee ist. Was Singen mit Aerosolen zu tun hat und wieso das Infektionen fördert, war für die Mädchen verständlicherweise nicht nachvollziehbar. Ein anderes Mal stand ein Schüler vor mir und sagte, er benötige dringend ein Tablet oder einen Laptop, um am Unterricht teilzunehmen. Ich fragte, warum er nicht in die Schule gehe. Er antwortete: Weil er in Quarantäne sei. Ich sagte ihm, dass es dann wohl keine gute Idee sei, in diesem Moment vor mir zu stehen und nicht zu Hause zu sein.

Er hatte die Bedeutung der Quarantäne nicht verstanden.

Genau. Die Kinder wissen fast nichts über die Hintergründe, selbst viele Gymnasiasten nicht. Sie folgen nur den Anweisungen. Mir geht es deshalb darum, die Kinder aus ihrer Ohnmacht herauszuholen und sie pädagogisch an ihre Aufgabe heranzuführen, die Gesellschaft mit zu schützen. Das würde sie wieder mächtig machen. Aber viele blocken auch ab, sie sind schon zu frustriert. Dadurch geht viel Potenzial verloren.

Wie zeigt sich diese Ohnmacht im Alltag?

Neulich, am Tag vor dem Teil-Lockdown, saßen vier Mädchen vor unserer Einrichtung auf einer Bank, es regnete. Sie hockten dort vier Stunden und redeten. Ich ging irgendwann zu ihnen und fragte, warum sie im Regen so lange draußen säßen. Da sagte eine: Weil sie sich ab dem kommenden Tag nicht mehr sehen könnten. Mir wären fast die Tränen gekommen.

Müssen Kinder in dieser Zeit zu viel entbehren?

Nein, nicht unbedingt, das hängt auch viel von den Wohnverhältnissen ab. Aber Corona lässt sie verstummen. Eine 14-Jährige kam neulich in unsere Einrichtung und klagte über Corona. Plötzlich brach es aus ihr heraus, sie fluchte, schrie, nutzte Schimpfwörter. Ich motivierte sie, weiterzumachen, stampfte wie sie mit dem Fuß fest auf den Boden. Das war befreiend für sie. Diese Zeit ist eine Zäsur, und wir wissen nicht, ob es je wie vor der Pandemie wird. Das gilt auch für die Jugendlichen, die unseren Verein begleiten.

Was heißt das konkret?

Vor Corona haben wir 60 bis 80 unserer betreuten Kinder und Jugendlichen einmal pro Woche gesehen, jetzt nur noch einmal im Monat. Nur sechs Klienten einer Kohorte kommen wöchentlich zu unserer Lernhilfe. Bei manchen verschlechtern sich ohne unsere Unterstützung die Schulnoten, andere, die wir erst seit einem Jahr kennen, kommen womöglich nach dem Teil-Lockdown gar nicht mehr wieder.

Hat sich in diesem Jahr noch etwas spürbar an Ihrer Arbeit verändert?

In normalen Jahren vermitteln wir etwa 15 unserer Klienten in Lehrstellen oder wenigsten Praktika. Diesmal liegen wir bei null. Ich mache den Unternehmen keine Vorwürfe, sie können nicht anders. Viele Jugendliche verlieren dadurch den Anschluss, aber für einige der Jugendlichen bedeutet das auch etwas Positives: Sie werden dazu gezwungen, weiter zur Schule zu gehen, das weckt ein Potenzial, das sie mit ihrer „Kein Bock mehr auf Schule“-Haltung sonst nie entdeckt hätten. Corona hat ihnen damit in den Hintern getreten.

Interview: Dennis Betzholz // Foto: Frank Peter

Zuerst erschienen in: Kieler Nachrichten, 11.12.2020

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