beraten - begleiten - bilden

477 Jugendmigrationsdienste in Deutschland

Hochbetrieb im Herzen von Attendorn

Ordnung in die Unterlagen bringen, helfen einen passenden Beruf zu finden oder bei amtlichen Schreiben unterstützen – all das ist Alltag beim Jugendmigrationsdienst Olpe im Sauerland.


Der Jugendmigrationsdienst Olpe teilt sich die Räume mit dem Jugendcafé JUCA. Hier finden junge Zugewanderte wie Morteza, Daniel und Abraham Rat und Anschluss (v.l., mit JMD-Mitarbeiterin Angelika Link).

Eine junge Frau sitzt konzentriert in einer roten Sitzecke. Sie bereitet sich auf ihre morgige Deutschprüfung vor. Bei ihr ist Bärbel Röben, die sie ehrenamtlich unterstützt. In der zweiten Sitzecke wartet ein junges Paar aus Eritrea. Ihre EC-Karte funktioniert nicht mehr. Deutsch sprechen sie kaum – nur Tigrinisch. Daneben steht ein junger Mann, der gerne einen ersten Termin für eine Beratung ausmachen möchte. Und mittendrin Angelika Link, die auf einen Rückruf wartet. Alltag beim Jugendmigrationsdienst (JMD) Olpe des Internationalen Bundes in Attendorn.

Link ist die einzige Mitarbeiterin des JMD im Kreis Olpe und gewohnt, spontan auf Dinge zu reagieren. Heute wendet sie sich an ihr Netzwerk und ruft Katrin Luers vom Amt für Soziales, Jugend, Familien und Senioren der Stadt Attendorn hinzu. „Ich habe mich stark vernetzt“, erklärt Angelika Link. „Anders ist das gar nicht machbar.“ Kurze Zeit später ist die Mitarbeiterin des Sozialamts da. „Bei der Arbeit mit Geflüchteten ist es wichtig, dass man spontan ist. Sonst klappt es nicht“, sagt sie und macht sich mit dem jungen Paar auf den Weg zur Sparkasse.

Vom Deutschkurs bis zum Masterstudium

Der Schwerpunkt des JMD Olpe liegt auf der persönlichen Beratung. So wie bei den Brüdern Abraham und Tesfalem. Beide stammen aus Eritrea, sind über den Sudan, Libyen und Italien nach Deutschland gekommen. Abraham hatte sich ein Jahr früher auf den Weg gemacht und ist bereits seit einem Jahr und fünf Monaten in Deutschland, sein jüngerer Bruder erst seit knapp einem Jahr. Drei Jahre waren die Brüder getrennt, bis sie sich am 17. Januar 2018 wiedergesehen haben. „Es war 15 Uhr – das werde ich nie vergessen“, sagt Tesfalem, der jüngere Bruder. Ihre Eltern sind noch in Eritrea, ihre fünf weiteren Brüder in andere Länder geflohen aus einem Land, dem die Vereinten Nationen schwerwiegende Menschenrechtsverletzungen attestiert haben. Der Wehrdienst, den in Eritrea jeder Mann ab 18 leisten muss, kann ein ganzes Jahrzehnt dauern.

Beide jungen Männer bekommen Unterstützung von Angelika Link, wenn es etwa um Behördengänge geht oder ein Integrationskurs ausgesucht werden muss. Zeugnisse, Aufenthaltsdokumente und Bescheide vom Jobcenter spielen da eine wichtige Rolle. Link hat darum den Brüdern geholfen, Ordnung in ihre Unterlagen zu bringen. „Von der Tüte in den Ordner“, erinnert sich die JMD-Mitarbeiterin. Die Brüder sind mittlerweile anerkannte Flüchtlinge, besuchen einen Integrations- und Sprachkurs. Mit der JMD-Mitarbeiterin sprechen sie Deutsch. „Mein oberstes Ziel ist es, meine Deutschkenntnisse weiter zu verbessern“, sagt Tesfalem. „Denn ohne gute Deutschkenntnisse komme ich nicht weiter.“ Beide sehen in Deutschland ihre zweite Heimat, fühlen sich wohl und blicken nach vorne.

Dank Angelika Link vom Jugendmigrationsdienst haben sie auch schon eine Vorstellung, wie es nach dem Ende der Kurse weitergehen soll. Während Abraham gerne Maler werden würde, möchte Tesfalem eine Ausbildung als Maurer beginnen. Wenn sie die jungen Menschen berät, wie es beruflich weitergehen kann, ist die Pädagogin froh, dass sie zuvor beim Träger des JMD Olpe, dem Internationalen Bund, in der Jugendberufshilfe gearbeitet hat. „Das macht es leichter, wenn man erklärt, was eine Ausbildung bedeutet und hilft, Bewerbungen zu schreiben“, sagt sie. Eines ist Tesfalem am Ende des Gespräches noch wichtig: Er möchte sich für die Hilfe bedanken, die er und sein Bruder erhalten haben. Er sei dankbar, sagt er, stockt, möchte noch mehr sagen – doch dann entschuldigt er sich. Um genau auszudrücken, was er empfindet, fehlen dem 22-Jährigen auf Deutsch noch die Worte.


Raum für Gespräche: Die Anliegen der jungen Menschen sind vielfältig, vom Asylverfahren bis zum Ausbildungsplatz.

Ankommen in kleinen Schritten

Die jungen Leute, die die JMD-Mitarbeiterin begleitet, haben unterschiedliche Geschichten und Herkunftsländer, aber oft ähnliche Anliegen. Daniel kommt ursprünglich aus Eritrea. Er ist seit eineinhalb Jahren in Deutschland und sein Deutsch ist mittlerweile so gut, dass er häufiger als Übersetzer zu Hilfe gebeten wird. In Eritrea hatte der 25-Jährige mit Drehmaschinen gearbeitet. Mit Papieren belegen kann er das aber nicht. Daher möchte er hier noch einmal eine Ausbildung im Metallbereich machen. Mit Unterstützung von Angelika Link hat er sich entschieden, zunächst eine betriebliche Einstiegsqualifizierung zu machen, um sich auf die Ausbildung vorzubereiten. „Der Jugendmigrationsdienst hilft bei allem“, sagt er, „Schule aussuchen, einen Praktikumsplatz finden oder einfach nur die offiziellen Briefe verstehen.“ Mittlerweile spielt Daniel regelmäßig mit deutschen Jugendlichen Fußball, was ihm hilft, sich in Deutschland heimisch zu fühlen, denn seine Eltern vermisst er nach wie vor sehr.

Morteza ist noch ein wenig weiter von seinem Ziel entfernt. Der 25-jährige Iraner ist erst seit sieben Monaten in Deutschland und befindet sich noch im Asylverfahren. Im Iran hatte er Industriezeichner studiert, das würde er hier gerne auch tun. Doch bevor er mit einem Studium beginnen kann, muss er seine Deutschkenntnisse verbessern. Noch wartet er auf einen Bescheid, ob er einen Deutschkurs machen kann. So lange würde er gerne arbeiten. Was? Egal – Hauptsache arbeiten.

Auf einige Erfolge zurückblicken kann Ahmad. Als der Syrer vor drei Jahren auf der Flucht vor dem Bürgerkrieg nach Deutschland kam, war Angelika Link eine seiner ersten Ansprechpartnerinnen. „Syrien war das Paradies auf Erden“, erinnert er sich. „Wäre der Krieg nicht ausgebrochen, hätte ich mein Land nie verlassen.“ Ahmad hatte in Syrien Elektrotechnik studiert und dieses Studium mit einem Bachelor abgeschlossen. Bei der Anerkennung dieses Bachelors in Deutschland hat ihn Link genauso unterstützt wie bei der Suche nach dem besten Weg in den Arbeitsmarkt. „Der Bachelor ist jetzt anerkannt und ich habe bereits eine Qualifizierungsmaßnahme bei einem Automobilzulieferer gemacht“, berichtet Ahmad. Aktuell befindet er sich in einem Vorbereitungskurs für ein Masterstudium. Angelika Link freut sich, dass er es so weit gebracht hat.

Viele Wege führen zum JMD

Der Jugendmigrationsdienst ist zentral gelegen, nur wenige Minuten vom Bahnhof entfernt, mitten in der Einkaufsstraße von Attendorn. Die hellen und freundlichen Räume teilt er sich mit einem Jugendcafé, das in den Abendstunden öffnet. Die jungen Migrantinnen und Migranten finden auf unterschiedlichen Wegen hierher. Viele erfahren durch Geflüchtete, die schon länger vor Ort sind, von der Anlaufstelle. Anderen wird sie von Jobcentern oder Integrationskursträgern empfohlen. Manche lernen Angelika Link in der Schule kennen, wenn sie dort ihre Arbeit vorstellt.

Die Pädagogin erinnert sich gerne an die jungen Menschen mit Migrationshintergrund, die sie bereits beraten hat – denen sie geholfen hat, ein Studium aufzunehmen, ein Stipendium zu bekommen oder den richtigen Beruf für sich zu finden. „Zu erleben, dass die Menschen etwas für uns so Alltägliches wie Sicherheit und Frieden so hochschätzen, lässt einen auch anders auf das eigene Leben blicken. Die Dankbarkeit der jungen Menschen zeigt mir, wie sinnvoll meine Arbeit ist.“

Zum JMD Olpe

Text und Bild: Servicebüro Jugendmigrationsdienste

 

Weitere Themen: JMD vor Ort stellt sich vor

Weitere Themen: Aktionen und Projekte der JMD