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465 Jugendmigrationsdienste in Deutschland

Internationaler Austausch in Nordafrika: Ein Bericht vom JMD Frankfurt

DIALOGUE ME TO NETWORK

Multilaterale Konferenz zum Jugendaustausch zwischen Deutschland, Tunesien, Marokko und Ägypten!
08.12.2017 bis 11.12.2017 in Tunis/Tunesien

Seit dem arabischen Frühling hat sich der Jugendaustausch zwischen Deutschland und Nordafrika stark entwickelt und dazu geführt, dass ein erstes Netzwerk von Partnern entstanden ist. Durch die Förderung des Auswärtigen Amtes wurde diese Konferenz vergangenen Dezember möglich gemacht.

 

JMD Berater Abdellatif Hjiri (im weißen Hemd vorne) mit den Teilnehmenden der multilateralen Konferenz in Tunesien. In der Hand hält er ein Geschenk. Es zeigt das Symbol „Fatimas Hand“ oder auch Hamsa (fünf) genannt, dass den Beschenkten schützen soll.

 

Ziel ist die Förderung der jungen Demokratien in den nordafrikanischen Ländern Tunesien, Marokko und Ägypten. Der Internationale Jugendaustausch ist ein wichtiges Instrument zur Unterstützung der Zivilgesellschaft und der demokratischen Strukturen. Die Unterstützung für diese Länder ist politisch, sozial und ökonomisch unabdingbar und dient dem sozialen und politischen Frieden. Weiterhin ist das Ziel auch, alle Akteure zum kulturellen Austausch und zur Vernetzung zusammenzubringen, den Dialog zu vertiefen und das Netzwerk der Partner im Jugendaustausch zwischen Deutschland und Nordafrika zu erweitern und zu stärken. In diesem Zusammenhang möchten wir uns als Jugendmigrationsdienst des Evangelischen Vereins für Jugendsozialarbeit in Frankfurt am Main e.V. durch praxisbezogene Projektarbeit international einbringen. Es ist eine besondere Chance, den JMD durch Jugendaustausche auch international bekannt zu machen. Wir verfügen über die entsprechenden Sprach- und Kultur-Kompetenzen und das pädagogische Knowhow, um diese Aufgabe zu übernehmen.

Die Konferenz Dialogue me to network sollte als Forum für Folgendes dienen:

  • Gewinn neuer Impulse für den Jugendaustausch
  • Neue Kontakte herstellen
  • Projektideen entwickeln
  • Auseinandersetzung für ein gemeinsames Demokratieverständnis
  • Förderung der Partizipation in den Jugendbegegnungen
  • Förderung des bürgerlichen und ehrenamtlichen Engagements
  • Stärkung der zivilgesellschaftlichen Jugendstrukturen

 

Zielgruppen der Konferenz waren:

  • Organisationen, die im Jugendaustausch zwischen Deutschland und Nordafrika bereits aktiv oder aktiv werden wollen.
  • PraktikerInen und Entscheidungsträger aus Organisationen der Kinder- und Jugendhilfe (Haupt- und Ehrenamtlich).
  • Förderinstitutionen, Stiftungen die für den Jugendaustausch mit Nordafrika zuständig sind.


Gemeinsam mit Kolleginnen und Kollegen aus Deutschland, Tunesien, Marokko und Ägypten
fanden Podiumsdiskussion über die politische, soziale und ökonomische Lage junger Menschen in allen vier Ländern statt.  Klar ist, die Situation der Jugend vor allem in Nordafrika ist nicht gut. Arbeitslosigkeit, Marginalisierung und Desinteresse der politischen und ökonomischen Entscheidungsträger werden beklagt. Viele benachteiligte Jugendliche geben aus Verzweiflung ihre Zukunft im Land auf und wandern nach Europa aus. Das Problem dieser jungen Menschen besteht darin, dass sie wenig qualifiziert sind und demzufolge auch in Europa große Schwierigkeiten haben, eine Beschäftigung zu finden.

Die hohe Arbeitslosigkeit von Jugendlichen und jungen Erwachsenen in Nordafrika gibt Anlass zu Sorge. Die politische und gesellschaftliche Transformation der betroffenen Länder kann nur gelingen, wenn die jungen Menschen begründete Hoffnung auf eine ökonomische Perspektive haben. Sollten nicht mehr Arbeitsplätze entstehen, drohen innenpolitische Spannungen, politische Radikalisierung, möglicherweise sogar ein Scheitern der Transformation.

Neben dem gemeinsamen Austausch wurden Arbeitsgruppen zu verschiedenen jugendrelevanten Themen wie Pratizipation, Demokratie, Interreligiöser Dialog, Umwelt, Geschlechtergerechtigkeit und Inklusion  gebildet. Wichtig war hierbei, dass die Nationalitäten gemischt werden. Dank der ÜbersetzerInnen waren intensive Diskussionen möglich.

Als Teilnehmer war ich positiv überrascht über die Auswahl der Themen in einem Land wie Tunesien, das eine schwierige politische, soziale und ökonomische Transformation durchmacht, welche von extremistischen Ereignissen überschattet wird. Dies spricht für die gute Entwicklung der Sozialen Arbeit in Tunesien seit 1990 bis dato. Denn die Themen, die behandelt worden sind,  sind die gleichen, mit denen wir uns in Deutschland stets auseinandersetzen. Das ist eine erfreuliche Entwicklung und macht Mut für dieses Land weiter zu machen. Das Gleiche gilt für Ägypten und Marokko. Diese Länder brauchen die Solidarität von Deutschland und Europa um ihren Weg erfolgreich zu bestreiten. Im Rahmen der Globalisierung hat der soziale und politische Frieden in diesen Ländern auch positive Wirkungen auf Europa.

Ergebnisse aus den Arbeitsgruppen sind wie folgt:

  • Die Förderung der Jugendarbeit in Tunesien, Marokko und Ägypten soll weitergeführt werden.
  • So auch die Netzwerkarbeit und deren Evaluation, insbesondere mit Schwerpunkt auf benachteiligte Jugendliche.
  • Der Internationaler Jugendaustausch gestaltet sich in Nordafrika schwierig, aufgrund der komplizierten Erlangung eines Visums. Dies führt zwangsläufig zu Filterung der TeilnehmerInnen.
  • Die finanziellen Möglichkeiten für die Organisation und Durchführung von Jugendaustauschen in Nordafrika sind sehr begrenzt.
  • Eine Facebook Gruppe wird gegründet, um den Kontakt zu erhalten und den Austausch auch digital fortführen zu können.


Auch ein Markt der Möglichkeiten wurde angeboten und es stellten sich viele Organisationen mit verschiedenen Projekten zum Jugendaustausch vor. Von unserem Stand des JMDs blieb kaum Info-Material übrig.

Besuch von zwei Regierungsmitgliedern und dem Bürgermeister von Tunis

Der Bügermeister von Tunis, Seifallah Lasram,  erläuterte Sichtweise des Landes Tunesien auf die Kooperation mit Deutschland, Marokko und Ägypten: „Wir wollen Erfahrungen sammeln und von anderen Ländern wie Deutschland lernen. Wir sind offen für Kooperation und Zusammenarbeit.“

Unter starken Sicherheitsvorkehrungen besuchten uns im Rahmen der Konferenz zwei Regierungsmitglieder: Frau Majdoulin Echerni, Ministerin der Jugend und Sport, und Herr Mehdi Ben Gharbia, Minister für die Beziehungen zu den Verfassungsorganen und der Zivilgesellschaft und Menschenrechte. Sie beteiligten sich an zwei Diskussionsrunden mit der Leiterin des Goethe Instituts und einem Vertreter der deutschen Botschaft.  Themen wie die Schwierigkeiten der Visavergabe seitens der deutschen Botschaft, Deutsch lernen beim Goetheinstitut, die politische Offenheit von Tunesien, Marokko und Ägypten gegenüber politische Institutionen aus Deutschland und wie die Zusammenarbeit auf kulturelle, politische, soziale und ökonomische in Zukunft besser gestaltet werden können, wurden diskutiert.

Der Besuch der zwei MinisterInnen und des Bürgermeisters von Tunis hat gezeigt, dass Tunesien diese Konferenz sehr ernst nimmt und bekräftigt damit seine Offenheit gegenüber Deutschland und den Nachbarländern Marokko und Ägypten.


Zu Besuch im Arabischen Institut für Menschenrechte

Ein Besuch beim Arabischen Institut für Menschenrechte in Tunis zeigte, dass der Demokratisierungsprozess der tunesischen Gesellschaft vorangeschritten ist.
Die nichtstaatliche Organisation ist in den Räumlichkeiten von Dar Essaida untergebracht – mitten in der Nachbarschaft von Essaida, einem sozial schwächeren Stadtteil von Tunis. Hier findet Projektarbeit mit Kindern und Jugendlichen statt. Seit der Revolution 2011 kann das Institut freier arbeiten und hat an Bedeutung gewonnen. „Es ist eine neue Situation in Tunesien“, sagte Leiterin Lamia Grar. In der Jugendarbeit setzt das Arabische Institut für Menschenrechte auf eine spielerische Herangehensweise an das Thema. Kinder und Jugendliche finden zum Teil über Austauschprogramme ihren Weg in die Räume von „Dar Essaida“. So nahm zurzeit des Projektbesuchs eine Gruppe holländischer Jugendlicher aus einer Partnerorganisation an einem Training teil. Über die Arbeit mit Jugendlichen und Kindern hinaus engagiert sich das Arabische Institut für Menschenrechte weiter für gesellschaftlichen Wandel in Tunesien. „Mit der tunesischen Gewerkschaft und dem Bildungsministerium arbeiten wir an einer Reform des Schulsystems“, so Grar. „Wir versuchen Veränderungen bei Behörden mit zu bewirken.“


Abschluss

  • wie schon erwähnt wurde alle Teilnehmer/-innen wollen über eine Facebook-Gruppe verbunden bleiben, die später für weitere Interessierte geöffnet werden könnte.
  • Die jeweiligen nationalen Netzwerke sollen stabilisiert und ausgebaut werden, beispielsweise durch nationale Konferenzen.
  • Der Wunsch an der Fortführung der inhaltlichen Arbeit entlang der Themen der Workshops wurde deutlich. Darüber hinaus hat sich eine Arbeitsgruppe zum Thema Sprache und Übersetzung gebildet. Das Thema umfasst sowohl das komplexe Vokabular der deutschen Kinder- und Jugendhilfe, als auch Sprachunterschiede im Arabischen, die sich aus unterschiedlichen nationalen Systemen herleiten.
  • Bestehende Projekte und Arbeitsmaterialien sollen gesammelt und online zur Verfügung gestellt werden. In diesem Zusammenhang soll auch das internationale Netzwerk visualisiert und dargestellt werden. Eine Arbeitsgruppe wird prüfen, inwieweit dafür eine eigene Webseite nötig ist und wie sie finanziert werden könnte.


Für mich persönlich war diese Konferenz ein riesen Erfolg, zumal ich viele Kolleginnen und Kollegen aus verschiedenen Ländern kennengelernt habe und ich hoffe stark, dass ich mit Ihnen gemeinsam Projekte auf die Beine stellen kann. Da ich mich mit den kulturellen und sprachlichen Gegebenheiten in Tunesien sehr gut auskenne, bietet sich für mich am besten eine Zusammenarbeit mit den dortigen sozialen Einrichtungen an. Dies ist eine Chance für unseren JMD, einen internationalen Charakter zu gewinnen. Dies sollte nicht nur für unseren JMD gelten, sondern ich freue mich, wenn Kolleginnen und Kollegen auch aus anderen JMDs ihr Interesse bekunden, gemeinsam mit uns einen Jugendaustausch zu organisieren und durchzuführen. Potenzielle Kooperationspartner aus Tunesien, Marokko, und Ägypten sind sehr offen und kooperationsbereit.


Abdellatif Hjiri
22.12.2017

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Die multilaterale Konferenz wurde als Veranstaltung von der Fachstelle für Internationale Jugendarbeit der Bundesrepublik Deutschland e.V. (IJAB) im Rahmen der Deutsch-Tunesischen, Deutsch-Marokkanischen  und Deutsch-Ägyptischen Transformationspartnerschaft organisiert und durchgeführt. Beteiligt hat sich an der Organisation und Durchführung dieser Konferenz der Kulturverein Ali Belhouan in Tunis (CCAB), unterstützt von WeloveSousse (Tunesien), IYAD (Ägypten) und Young United (Marokko).

 

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