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465 Jugendmigrationsdienste in Deutschland

Zwischenbilanz

Für Menschen, die nie in der Notsituation waren, ihre Heimat und ihre Lieben verlassen zu müssen, ist es wohl unvorstellbar, was „Flucht“ wirklich bedeutet. Gefahren, seelische Not, Einsamkeit und eine ungewisse Zukunft sind nur wenige der augenfälligen Situationen, mit denen ein geflüchteter Mensch klar kommen muss. Wie gut ist es da, wenn es eine Anlaufstelle gibt, die Beratung und Hilfe bietet.
Das Modellprojekt „jmd2start – Begleitung für junge Flüchtlinge im Jugendmigrationsdienst“ ermöglicht diese persönliche, lebensnahe und kompetente Unterstützung und stärkt damit den Zugang der jungen Menschen zu Bildung, Arbeit und gesellschaftlicher Teilhabe. An bundesweit 24 Modellstandorten beraten und begleiten die Jugendmigrationsdienste (JMD) Flüchtlinge zwischen 12 und 27 Jahren. Bei Projektkoordinatorin Hanna Zängerling laufen die Fäden der Arbeit zusammen. Wir haben sie in ihrem Bonner Büro getroffen.

 

Die Projektkoordinatorin Hanna Zängerling im Bonner Büro.

Frau Zängerling, wie viele Flüchtlinge betreut das Projekt jmd2start im Moment? Und wieviel Personal steht dafür zur Verfügung?

Seit dem Start vor einem Jahr haben die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter an die 3.000 junge Menschen beraten und begleitet. Im Durchschnitt kommen pro Quartal 700 hinzu. Unser Ziel ist es, die Geflüchteten möglichst früh auf unsere Angebote aufmerksam zu machen, und dabei auch neue Zugangswege zu ermitteln. Je später wir die jungen Leute kennenlernen, desto eher haben sich schon bestimmte, auch falsche Infos gefestigt oder es sind Fristen versäumt worden. An den 24 Standorten im Modellprojekt sind rund 50 Mitarbeitende tätig.

Wie alt sind die Ratsuchenden, und aus welchen Ländern stammen sie hauptsächlich?

Die meisten jungen Menschen, die in die jmd2start-Beratung kommen, sind zwischen 19 und 27 Jahre alt. Sie stammen überwiegend aus den Ländern Syrien, Afghanistan und Irak.

 

 

Wie ist das Projekt in die Jugendmigrationsdienste eingebunden?

Im Auftrag des Bundesjugendministeriums erprobt das Modellprojekt Ansätze und Methoden auf die Frage: Wie können die Jugendmigrationsdienste junge Flüchtlinge bestmöglich begleiten? Wichtig war von Anfang an, dass das Projekt jmd2start an bestehende JMD-Standorte angegliedert wird. Denn die Jugendmigrationsdienste vor Ort sind sehr gut vernetzt! Wir passen also perfekt in die Strukturen. jmd2start setzt quasi „vor“ der klassischen Arbeit der JMD an, denn die Beratung richtet sich bislang vor allem an junge Menschen, die schon eine Aufenthaltserlaubnis haben. 
Durch die erweiterte Zielgruppe - mit anderen Aufenthaltsstatus - kommen neue rechtliche Grundlagen hinzu und bestimmte Vorschriften in der Praxis. Darf ich mit einer Aufenthaltsgestattung diesen Sprachkurs besuchen? Wie erhalte ich eine Beschäftigungserlaubnis? Bekomme ich Unterstützung während meiner Ausbildung? 
In der Jugendsozialarbeit zählt der „ganze Mensch“ und nicht nur seine Rolle in der Arbeitswelt. Es geht also um die Frage: Wie können sich die jungen Geflüchteten, losgelöst von ihrem Aufenthaltstitel, hier ein Leben aufbauen?

Da knüpfen wir gleich an: Was sind die größten Bedarfe, die ein junger Flüchtling hat, wenn er oder sie in den Jugendmigrationsdienst kommt?

Die Anfragen sind ähnlich, die Stationen auf dem Weg zum Ziel können aber sehr verschieden sein: Viele Personen sind auf der Suche nach Sprach- und Integrationskursen. Viele möchten die Schule besuchen – was schwierig ist, wenn sie älter als 18 Jahre sind. Und dann ist natürlich der Wunsch sehr groß, Geld zu verdienen. All das baut auf dem grundlegendstem Bedürfnis auf: Sicherheit, d.h. kann ich hier in Deutschland bleiben? Denn so verschieden junge Flüchtlinge auch sind, was sie eint ist: Ihre Flucht war keine freiwillige Entscheidung und der Weg zurück ist meist kein Weg.

Man hört ja oft, dass Wunsch und Wirklichkeit weit auseinander klaffen, wenn ihre Flucht junge Menschen nach Deutschland führt. Ist das tatsächlich so? Und wie gehen die Beraterinnen und Berater vor Ort damit um?

Natürlich haben unterschiedliche Menschen ganz unterschiedliche Erwartungen an das Leben in Deutschland. Für viele ist der Druck aus ihrer Heimat sehr groß und die Notwendigkeit, Geld schicken zu müssen. Der Wunsch nach einem Rückzugsraum und finanzieller Unabhängigkeit ist ganz deutlich! Und wenn man dann sieht, wie der Alltag aussieht, dann ist das oft ein Realitäts-Flash. Die Unterbringung ist häufig sehr bescheiden, viele jungen Menschen müssen sehr geduldig sein bis der Aufenthaltstitel da ist, und dann ist der Weg in Arbeit oft lang und schwierig. Das fällt natürlich gerade jungen Menschen schwer.
Die Beraterinnen und Berater müssen dafür viel Energie und Kreativität mitbringen. Standard-Lösungen sind selten. Stattdessen heißt es, gemeinsam mit dem jungen Menschen Wege suchen. Sie können Angebote machen und sich vor allem Zeit nehmen für die jungen Menschen. 
Wichtig ist uns, dass die Geflüchteten die Chance haben, selbst aktiv zu werden und schöne Momente zu erleben. Gerade Angebote, die nicht so sehr auf Sprache und Lernen basieren, sind unerlässlich – auch wenn sie auf den ersten Blick trivial klingen: gemeinsame Ausflüge, Tanz- und Theaterworkshops oder Sportangebote.

Beratungsgespräch im JMD

Wie ist das Prozedere, das ein junger Flüchtling durchlaufen muss, damit er hier in Deutschland wirklich Fuß fassen kann?

Registrierung, Asylantrag stellen, dann die Anhörung beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge - und das Warten auf den Bescheid. Geflüchtete aus den Herkunftsländern mit hoher Anerkennungsquote können bereits im Asylverfahren einen Sprachkurs besuchen – wenn es Plätze gibt. Geflüchtete aus anderen Herkunftsländern müssen oft bis zum Aufenthaltstitel warten, das kann mitunter auch ein Jahr oder länger dauern. Einige Kommunen sind aktiv geworden und bieten für diese Gruppe Deutschkurse an. 
Wenn die Geflüchteten jünger und noch schulpflichtig sind, dann geht vieles leichter. Durch den Schulbesuch sind sie automatisch in einem ganz anderen sozialen Umfeld eingebunden. Denn Fuß fassen heißt für mich auch: Kontakt zu deutschen Jugendlichen knüpfen – und dafür braucht es noch mehr Angebote. 

Wie klappt die Zusammenarbeit mit den anderen lokalen und überregionalen Einrichtungen?

Im letzten Jahr ist viel Bewegung in die Flüchtlingshilfe gekommen. Es gibt einen Dschungel an verschiedenen Programmen und Maßnahmen, die wir auch erst einmal kennen müssen.  
Die Unterkünfte sind wichtige Partner geworden, die Agenturen für Arbeit sowieso und auch die Flüchtlingsräte. Die JMD sitzen in den lokalen Fachgremien am Tisch, und sind dabei, wenn sich neue gründen. Gleichzeitig werden JMD aber auch als Fachdienste mit Expertise wahrgenommen, wenn z.B. Kolleginnen und Kollegen vom Jugendamt oder der Schulsozialarbeit anfragen.

Was sind die wichtigsten Zwischenergebnisse nach einem Jahr?

Zwei Bereiche möchte ich hervorheben: Vor dem Hintergrund der Behördenlandschaft und den Anforderungen – von außen und der Flüchtlinge an sich selbst – können die JMD den jungen Menschen Raum geben, für den Austausch untereinander, für persönliche Wahrnehmungen, Ängste, Ziele, Unsicherheiten. 
Das gelingt mit niedrigschwellige Angeboten, z.B. aufsuchender Sozialarbeit. Begegnungscafés, Sportangeboten. Das ist eine alte Erkenntnis der Jugendmigrationsdienste, die nun wieder zum Einsatz kommt. 
Zum anderen sehe ich den Schlüssel zum Ankommen in der Selbstbestimmung, gerade weil unter den Geflüchteten die Erwartungen und der Konkurrenzdruck hoch sind. Ich kann für mich eintreten, wenn ich meine Rechte und Pflichten kenne und verstanden habe, wie gewisse Systeme funktionieren, z.B. das Ausbildungssystem. Dies zu vermitteln – und sich für die Rechte der jungen geflüchteten Menschen einzusetzen, ist und bleibt Aufgabe der JMDs.

 

Vielen Dank für das Interview! 

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