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465 Jugendmigrationsdienste in Deutschland

Die Win-Win-Situation im JMD Rostock

Die Win-Win-Situation

Ausbildungscoaching für junge Geflüchtete beim JMD Rostock

Neugierig und ein bisschen kritisch mustern sich die jungen Leute. Sie betrachten das Gesicht der Person ihnen gegenüber genau, lange Haare, kurze Haare, vielleicht ein Kopftuch, Bart, Locken, Brille. Die Blicke sind mal angestrengt, mal amüsiert. Dann fangen sie an zu zeichnen, noch ein paar Sekunden. Dann ein Wechsel. Der nächste übernimmt die Skizze, verbessert, zeichnet weiter. Bis Bilder entstehen. Von 17 geflüchteten Jugendlichen und 17 Studierenden der Uni Rostock. Das Portraitieren in Speed-Dating-Manier ist ein Kennenlern-Spiel. Es ist ein erstes Warmwerden bevor Tandems gebildet werden und sich die jungen Leute in Zweier-Konstellationen gegenübersitzen und Fragen stellen über ihr Leben, ihre Vorbildung und ihre Ideen von ihrer beruflichen Zukunft in Deutschland.

 

Den Zeichenblock in der Hand. Wie malt man jemanden, den man gerade erst kennenlernt?

 

Gemeinsam Wege finden

Zum vierten Mal organisiert der Jugendmigrationsdienst Rostock (JMD) ein fast zweimonatiges Ausbildungscoaching für junge Geflüchtete. Mit dabei sind Studierende des Instituts für Berufspädagogik der Universität Rostock. Das „Get together“ an einem Nachmittag im November 2017 ist das erste Zusammentreffen der zukünftigen Tandempartner, die sich danach im Rahmen des Coachings noch mehrmals treffen werden. Ein Samstag ist für die berufliche Orientierung und biografisches Arbeiten eingeplant, zwei Wochen später werden die Zweierteams Lebensläufe und Bewerbungsschreiben aufsetzen. Dazwischen bekommen die Teilnehmenden kompakt vieles von dem erklärt und gezeigt, was das Ausbildungssystem in Deutschland ausmacht, inklusive zwei Wochen berufspraktischer Erprobung.

Wenn alles gut geht, wissen die jungen Menschen am Ende des Projekts besser, wohin sie beruflich wollen und wie sie das erreichen können. Und die Studierenden? Auch sie lernen viel für ihren Beruf als Lehrende. Sie lernen Menschen kennen, die ähnliche Geschichten mitbringen wie ihre zukünftigen Schülerinnen und Schüler. Viele der Studierenden möchten später an Berufsschulen unterrichten.

Das Orientierungs-Kompakt-Paket

„Das ist eine Win-Win-Situation“, fasst Tilo Segert, der Leiter des JMD Rostock, zusammen. „Die jugendlichen Geflüchteten schätzen das Angebot, weil es gut und kompakt Inhalte vermittelt und sie in unterschiedlichen Formaten einen großen Schritt weiterbringt. Außerdem kommen sie in Kontakt zu Gleichaltrigen, die oft selbst schon eine Ausbildung absolviert haben und sich viel mit diesen Prozessen beschäftigt haben. Im letzten Jahr sind aus den Tandems sogar Freundschaften entstanden. Das ist natürlich der Idealfall.“ Auch Praktika und Ausbildungsverhältnisse kamen durch das Programm schon zustande. Einen Beruf zu finden ist für viele Jugendliche nach der Ankunft in Deutschland der wichtigste und oft auch der schwierigste Schritt. Wie zum Beispiel für Rhami: „In Syrien habe ich eine Ausbildung im Bereich Hotel und Tourismus gemacht und als Rezeptionist gearbeitet. Dabei geht es viel um Sprache und nach zwei Jahren in Deutschland spreche ich noch nicht gut genug Deutsch um hier in der Richtung weiterzumachen. Ich habe den B1-Sprachkurs abgeschlossen und brauche noch mindestens B2-Niveau. Von dem Ausbildungscoaching erhoffe ich mir Orientierung und vielleicht auch schon einen Kontakt für ein Praktikum.“

 

 

Forschung für alle

Auch Mathias Götzl, Professor am Institut für Berufspädagogik, beschreibt das Programm als Gewinn für alle Beteiligten: „Unsere Studierenden lernen hier viel über ihre zukünftige Zielgruppe. Sie lernen Einzelschicksale kennen und erwerben Migrationssensibilität. Gemeinsam mit den Jugendlichen können sie Orientierungsprozesse begleiten, Bewerbungen schreiben und mit ihnen die Sprache üben. Auch wissenschaftlich passiert hier eine Menge: Die Erfahrungen werden in Studien überführt und auf die Dauer erhoffen wir uns Erkenntnisse für die Situation von Menschen mit Fluchterfahrungen an Berufsschulen. Außerdem hoffen wir, dass diese Form des Service-Learnings an den Universitäten Schule macht.“ Es ist also eine Win-win-win Situation. Die Studierenden lernen junge Menschen mit Fluchterfahrung kennen, die jugendlichen Geflüchteten bekommen Hilfestellung für den Berufseinstieg und die Forschenden sammeln in all den Tandems wichtige Erkenntnisse aus einem noch wenig studierten Gebiet. Die große Hoffnung der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler ist, dass das Beispiel Rostock Schule macht und an anderen Universitätsstandorten und JMDs übernommen werden kann. Das Modell ist übertragbar und je mehr Standorte mit ähnlichen Tandems arbeiten würden, desto mehr wüssten die zukünftigen Pädagoginnen und Pädagogen über eine Zielgruppe, mit der sie sich noch viel beschäftigen werden. Wie zum Beispiel Christine: „Vielleicht können wir es schaffen, den Jugendlichen Möglichkeiten aufzuzeigen, an die sie noch nicht gedacht haben. Durch Fragen können wir ihnen helfen, sich anders mit der eigenen Biografie auseinanderzusetzen und zu schauen, wo sie schon einmal Selbstwirksamkeitserfahrungen gemacht haben. Wo ist es schon einmal gelungen, Hindernisse aus dem Weg zu räumen und wie lässt sich die Erkenntnis in die Arbeitssuche integrieren? Das finde ich wichtig. Spannend finde ich auch, dass wir ganz nebenher eine andere Lebenswelt kennenlernen.“

 

Die wissenschaftliche Begleitung des Projekts erfolgt durch Prof. Mathias Götzl und wissenschaftl. Mitarbeiter Philipp Struck vom Institut für Berufspädagogik Rostock.

Erprobung inklusive

Tilo Segert ist davon überzeugt, dass das Projekt Früchte trägt. Tatsächlich wissen am Ende alle Beteiligten besser, in welche Richtung sie weiterdenken wollen. Nach dem ersten Zusammentreffen haben sich 17 Tandems gebildet, die danach weitgehend selbständig zusammenarbeiten konnten. Es wurden Lebensläufe erstellt, Bewerbungsschreiben formuliert und Kontakte hergestellt. Ein junger Mediziner aus Afghanistan bekam eine Ausbildungsstelle in einer Pflegeeinrichtung angeboten, mehrere Jugendliche konnten sich nach der berufspraktischen Erprobung für das Bäckerhandwerk begeistern. Einige wussten nach der Zeit auch besser, was sie lieber nicht machen wollen. Auch das ist auf dem Weg zum Beruf eine wichtige Erkenntnis. Die Organisatoren sind zufrieden. „Das Projekt bringt viel, es macht aber auch enorm viel Arbeit,“ erzählt Tilo Segert nach Abschluss der zwei Monate. Ihm und seinen Mitarbeiterinnen Ines Osho und Gabriella Szabo wäre es deshalb lieb, wenn sich noch weitere Kooperationspartner und Finanzierungspartner fänden. Denn daran, dass das Ausbildungscoaching ein Erfolgsmodell ist und weitergeführt werden soll, besteht kein Zweifel.

 

Das Beratungsteam im JMD Rostock: (v.l.n.r) Ines Osho, Gabriella Szabo, Angela Hartmann und Tilo Segert


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JMD Rostock der AWO

Den Jugendmigrationsdienst in Rostock in Trägerschaft der Arbeiterwohlfahrt (AWO) gibt es seit Mitte der neunziger Jahre. Seit 2015 bietet der JMD auch Beratung für junge Geflüchtete an. Vier Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter beraten Jugendliche mit Migrationshintergrund zu sozialen und beruflichen Fragen. Das Ausbildungscoaching bietet der JMD Rostock Ende 2017 zum vierten Mal an.

 

Weitere Stimmen zum Projekt:

 

 

Ahmed, Teilnehmer
„Ich bin seit zwei Jahren in Deutschland und helfe gerade beim JMD als Ehrenamtlicher aus. Auch beim Ausbildungscoaching. In Syrien hatte ich schon sechs Semester Architektur studiert aber leider noch nicht abgeschlossen. Ich möchte hier gerne weiterstudieren. Das Ausbildungscoaching ist eine gute Gelegenheit um zu sehen, welche Möglichkeiten es überhaupt gibt.“



 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Jonas, Studierender

"Mein Ziel ist es, einem Jugendlichen etwas an die Hand zu geben, womit er selbst den Weg finden kann, der zu ihm passt. Es kann nicht darum gehen, eine einzige Lösung zu erarbeiten. Manchmal klappt ja nicht das erste, was man sich vorgenommen hat, sondern die Alternative. Gemeinsam können wir überlegen, welche Quellen es gibt und welche Informationen ich wo bekomme.
Sehr gut hat mir das Kennenlernspiel gefallen, bei dem wir uns zeichnen mussten. Wir kannten uns noch nicht, aber wir haben schon zusammen gelacht. Tatsächlich erfährt man schon viel übereinander. Zum Beispiel, dass Ahmed so gut zeichnen kann, weil er Architektur studiert hat.“

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