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465 Jugendmigrationsdienste in Deutschland

Losziehen und machen! - Empowerment-Workshop mit „Jugendliche ohne Grenzen“

Aufmerksames Zuhören, leuchtende Augen, begeistertes Klatschen und jede Menge Energie: so sah es aus bei der Feedbackrunde am Ende des Berlin-Workshops. Weitermachen, vernetzen, Ideen austauschen und das alles am besten sofort. Junge Menschen aus sieben JMDs waren nach Berlin gereist, um Jugendliche ohne Grenzen kennenzulernen. JoG waren angereist, um die TeilnehmerInnen zu ermuntern, sich zu engagieren. Das hatten sie geschafft.

Die eigenen Rechte in einer Demokratie kennenlernen

Jugendliche ohne Grenzen, kurz JoG, ist eine Initiative von jungen Geflüchteten für junge Geflüchtete. Mohammed Jouni, der dabei war, als die Gruppe sich 2005 gründete, bringt das Ziel von JoG auf einen Begriff: „Empowerment“. „Es geht uns darum, dass die Jugendlichen sich selbst um ihre Belange kümmern und aus der Opferrolle rauskommen. Sie müssen sichtbar sein, sich vernetzen und für die eigene Sache aktiv werden.“ Letztlich geht es darum, jungen Menschen zu zeigen, welche Rechte und Möglichkeiten sie in einer Demokratie haben, selbst wenn die Ausländerbehörde einmal gesagt hat, ihr Fall sei hoffnungslos. „Ihr dürft demonstrieren, wenn ihr ein Regel einhaltet. Wir zeigen euch, worauf ihr achten müsst und wer euch dabei unterstützen kann,“ erklärt er den TeilnehmerInnen, die begeistert zuhören. Demonstrieren, mit Plakaten vor Ministerien ziehen, Briefe an Abgeordnete schreiben, auf all diese Ideen muss man erst einmal kommen. Vor allem, wenn man als junger Geflüchteter alleine in der Provinz sitzt, wenig Umgang mit Gleichgesinnten hat und durch Anhörungen und Abwarten demotiviert und entmutigt ist. Warum aber brauchen die Jugendlichen ausgerechnet JoG, um in ihrer Situation aktiv zu werden? Alle Jugendlichen, die heute bei JoG aktiv sind, haben eine Fluchtgeschichte. Sie waren von der Abschiebung bedroht, sie haben für ihre Rechte gekämpft und gewonnen. Heute sind sie hier. Mitten in der Gesellschaft. Sie zeigen anderen jungen Menschen, dass sie nicht machtlos sind. Nun sind alle Jugendlichen, die an dem Wochenende in Berlin zusammengekommen sind, schon bei den Jugendmigrationsdiensten angekommen. Dort erhalten sie in vielen Belangen Unterstützung und Beratung – aber die JMD können einiges nicht bieten.

 

Verschiedene Stellen für verschiedene Bedürfnisse

„Wenn ich mit den Jugendlichen in der Beratung spreche, habe ich eine ganz andere Funktion als ein junger JoGler,“ erklärt Ines Osho vom JMD Rostock. „Wir sind eine Beratungsstelle, die institutionell eingebunden ist. Gemeinsam mit den Jugendlichen bearbeiten wir ihre Themen, die sehr oft im Zusammenhang mit Spracherwerb und beruflicher Orientierung stehen. Die JoGler arbeiten nicht nur ehrenamtlich, sondern können deutschlandweit Kampagnen und spontane Aktionen zu anderen wichtigen Themen mit den Ratsuchenden organisieren, z.B. zum Bleiberecht, zu Zugang zu Bildung oder Abschiebestopps in verschiedene Länder. Das können wir als JMD nicht. Ein großer Unterschied ist aber auch, dass ich in Deutschland geboren und aufgewachsen bin und nie eine Flucht durchleben musste. Dadurch bleibt meine Beratung hilfreich und wichtig, aber manchmal bis zu einem gewissen Grad abstrakt. Die jungen Leute von JoG sind genau durch die gleichen Situationen gegangen wie die Ratsuchenden im jmd2start. Sie haben Flucht erlebt, Verfahren durchlaufen, um ihren Aufenthaltstitel gebangt und sie haben sich alleine und ohnmächtig gefühlt. Vor allem aber haben sie ihr Schicksal dann in die Hand genommen. Das ist es, was die jungen Leute hier beeindruckt. Der Gedanke: Wenn die das können, kann ich das vielleicht auch.“ Es geht bei JoG um Impulse, die für die Jugendlichen nur von Gleichgesinnten kommen können. Keine Beratungsstelle, keine Institution kann alles bieten, was ein junger Mensch zum Ankommen in Deutschland braucht.

Jede(r) einzelne ist gefragt

Nicht lange fackeln und entmutigen lassen, sondern losziehen und machen. So handeln JoGler. Damit das Denken jenseits der Institutionen funktioniert, ist die Initiative von allen vereinsähnlichen Strukturen losgelöst. Es gibt keinen Verband und keinen Vorstand, keine Ämter und keine Bundesstelle. Es gibt einige Aktive in ganz Deutschland und vereinzelt Regionalgruppen, die sich schnell untereinander und mit anderen vernetzten können. „Wenn junge Geflüchtete etwas auf die Beine stellen wollen, helfen wir ihnen mit Erfahrung und Kontakten", beschreibt Mohammed Jouni die Arbeit von JoG. „Wir sagen ihnen, wie es geht, aber wir nehmen ihnen die Arbeit nicht ab. Wichtig ist, dass sie selbst in der ersten Reihe stehen und nicht die stummen, machtlosen Flüchtlinge sind. Das sind Menschen mit Namen und Geschichten. Wir müssen uns hinstellen und gemeinsam für unsere Rechte kämpfen.“

Lokal handeln

Auch wenn in Berlin die jungen Leute aus ganz Deutschland am liebsten gemeinsam die Ideen umsetzen wollten: gehandelt und vernetzt wird zuerst einmal lokal. „Eine bundesweite Vernetzung ist wichtig“, erklärt Mohammed von JoG. „Aber vieles, was uns betrifft, wird lokal entschieden: Unterbringung, Beschulung, Gutscheine und Abschiebung. Deshalb ist es wichtig, dass wir lokal aktiv werden. Außerdem ist es natürlich einfacher, wenn eine Gruppe sich vor Ort auch zusammensetzen kann. Am Ende des Wochenendworkshops bildeten die TeilnehmerInnen des Workshops Gruppen in Nord, Ost, West und Süd. Sie wollen über Messenger kommunizieren, planen ein gemeinsames Treffen bei der großen JoG-Konferenz, die im Juni in Dresden stattfindet, und denken darüber nach, wie sie sich bundesweit, lokal und digital auf dem Laufenden halten können. Yasin, ein junger Mann aus Bayern, hat den Netzwerkgedanken schon aufgenommen und weitergesponnen. Er ist in München bereits bei einem anderen Verband engagiert. „Ich bin bei heimaten.de im Vorstand, will aber unbedingt mit Jugendliche ohne Grenzen in Kontakt bleiben. Vielleicht werden wir uns mit den JoG-Leuten in Bayern zusammentun und gemeinsam Aktionen planen.“ Am besten sofort. So funktioniert Empowerment.

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