beraten - begleiten - bilden

465 Jugendmigrationsdienste in Deutschland

Mit dem Tandemprojekt besser ankommen – ein Erfolgsmodell aus drei Perspektiven

Die Organisatorin: Brigitte Hampel, JMD Bad Kreuznach

„Das Tandemprojekt ist entstanden, weil wir gesehen  haben, dass jugendliche Flüchtlinge mit dem Alltag oft überfordert sind. Fragen klären sich am besten im persönlichen Gespräch. So kamen wir auf die Idee, ihnen Tandem-Partnerinnen und -Partner zur Seite zu stellen. Bei Tandems geht es nicht nur um Informationsaustausch und Hilfe, sondern darum, dass eine persönliche Beziehung entsteht. Es wird auf ihre Bedürfnisse eingegangen ohne das Prinzip „Hilfe zur Selbsthilfe“ aus den Augen zu verlieren. Inzwischen haben wir 17 ehrenamtliche Mentorinnen und Mentoren und 27 jugendliche Mentees aus dem Modellprojekt jmd2start zusammengebracht. Manche Mentoren begleiten mehrere Jugendliche – z.B. wenn Geschwister oder Freunde gemeinsam hier sind.

Damit das Projekt gelingt, sind verschiedene Faktoren wichtig: Vor allem sind geeignete Ehrenamtliche nötig. Zum Glück bin ich in Bad Kreuznach gut vernetzt und kann viele Leute direkt ansprechen. Zusätzlich arbeiten wir mit der örtlichen Ehrenamtsbörse zusammen. Wir suchen gezielt nach Menschen, die Erfahrung mit Jugendlichen haben, also pensionierte Pädagoginnen und Pädagogen, Personen, die in Vereinen aktiv sind

oder Eltern. Generell sollten sie Verständnis für Probleme junger geflüchteter Menschen mitbringen, anderen Kulturen gegenüber aufgeschlossen sein und die Bereitschaft haben, sich einzubringen.

Natürlich kann man Ehrenamtlichen nicht einfach die Arbeit überlassen. Mentorinnen, Mentoren und Mentees brauchen eine hauptamtliche Ansprechperson. Deshalb kümmere ich mich im Rahmen meiner Arbeit ausschließlich um dieses Tandemprojekt. Ich bin die Konstante: Urlaubsvertretung, Schnittstelle zu Behörden und Anlaufstelle bei Problemen. Neulich hat eine Jugendliche mit Hilfe ihres Ehrenamtlichen eine Ausbildungsstelle gefunden, aber ihr fehlte das Geld für die Fahrkarte. Dann ist es mein Job, bei Ämtern anzufragen und Anträge zu stellen.

Es geht aber nicht nur um kleine Schritte, sondern auch um das „große Ganze“: das Ziel einer gelingenden Integration und das Funktionieren des Tandems. Deshalb nehmen die Ehrenamtlichen an interkulturellen Trainings teil. Es ist wichtig, dass sie sich Gedanken machen, wie die jungen Menschen im Herkunftsland aufgewachsen sind, was prägend war und wie das den Prozess des Ankommens in Deutschland beeinflusst. Gleichzeitig dürfen sie sich nicht überfordern. Deshalb stehe ich für Gespräche bereit, sie tauschen sich mit anderen Ehrenamtlichen aus und erhalten alle fünf Wochen Supervision. Wenn sie alleine gelassen werden, kommt es leicht zu Frust und Überforderung -  und damit steigt dannauch die Gefahr, dass sie abspringen.

Ich bin immer wieder überrascht, was Ehrenamtliche bewegen können. Da werden Wohnungen gefunden, Umzüge organisiert, Ausflüge geplant, Praktika und Ausbildungsstellen aufgetan. Das klappt, weil sie eigene Netzwerke einbringen. Die Jugendlichen knüpfen in Familie und Freundeskreis an, kommen mit zum Sport und lernen das Leben hier aus verschiedenen Perspektiven kennen. Gleichzeitig bringen sie eigene Erfahrungen mit. Das ist das Tolle: Alle werden Multiplikatoren. So wirken Tandems in verschiedene Richtungen.“

Die Ehrenamtliche: Christiane Knoblach aus Bad Kreuznach

„Ich bin gelernte Erzieherin und im Tanzverein aktiv. Als Brigitte Hampel mich angesprochen hat, war für mich selbstverständlich, dass ich mitmache. Heute kümmert sich meine Familie um vier Jugendliche aus Afghanistan. Die drei jungen Frauen und den jungen Mann begleiten wir in allen möglichen Situationen. Scheinbar einfache Sachen wie Arzttermine werden kompliziert, wenn man Sprache und die hier übliche Gesundheitsvorsorge erst kennenlernt. Eines der Mädchen musste am Magen operiert werden. Ich habe sie rund um die OP unterstützt, bei Voruntersuchungen, Überweisungen oder Zuzahlungen.

Durch den Austausch mit den Jugendlichen habe ich viel gelernt. Ein großes Problem ist für die Frauen, dass sie in Afghanistan unselbstständiger gelebt haben. Sie durften keine Entscheidungen treffen und sich nicht alleine in der Öffentlichkeit bewegen. Der von mir begleitete junge Mann sagte neulich zu mir: „Weißt du, was das Schönste ist? Dass ich hier über alles nachdenken darf.“ Er hatte in Afghanistan für eine Organisation gearbeitet, die zu Unrecht inhaftierte Frauen unterstützt hat. Deshalb wurde er verfolgt. Wenn er von seiner Vergangenheit eingeholt wird und ihn das Erlebte belastet, sage ich ihm, dass er hier neu anfangen kann und selbst entscheiden darf, für wen er sich einsetzt. Diese Erkenntnis lässt ihn sichtlich stabiler werden.

Es ist beeindruckend zu sehen, wie schnell die jungen Menschen lernen. Am Anfang wollten sie studieren, was ohne Sprachkenntnisse nicht möglich war. Deshalb haben wir nach anderen Wegen gesucht und ich bin mit einer der Frauen, Sana, zur „Langen Nacht der Ausbildung“ gegangen. Sie hat sich selbst informiert und die Gespräche eigenständig geführt. Nach einem Bewerbungsverfahren bekam sie eine Stelle in einer Qualifizierungsmaßnahme mit Aussicht auf eine Ausbildung.

Was mich fasziniert: Wenn ich etwas anstoße, nehmen die jungen Menschen das in die Hand und machen etwas daraus. Am Anfang sah ich immer die Gefahr, dass sie denken, sie müssen alles genau so machen, wie wir das sagen. Deshalb habe ich mir das Ziel gesetzt, ihnen immer nur die Fakten zu geben, damit sie das Problem selbst lösen. Das ist ein mühsamer Weg, aber ich sehe große Fortschritte. Die jungen Menschen sind sehr stolz, wenn etwas klappt und wir freuen uns dann gemeinsam.

Das Tandem hat natürlich Auswirkungen auf mein privates Umfeld. Mein Sohn bekommt durch mich viel mit und trägt das auch in seinem Freundeskreis weiter. Viele ältere Leute begegnen mir mit Unverständnis und meinen etwa, in Flüchtlinge werde zu viel Geld investiert. Ich sehe in solchen Phrasen eine Chance ins Gespräch zu kommen. Manchmal kann ich dann jemanden überzeugen. Insgesamt habe ich den Eindruck, dass unsere Stadt offener geworden ist. Hier entstehen Begegnungsstätten, in denen sich alle treffen und mit Flüchtlingen in Kontakt kommen. Das finde ich gigantisch.“

Es ist beeindruckend zu sehen, wie schnell die jungen Menschen lernen. Am Anfang wollten sie studieren, was ohne Sprachkenntnisse nicht möglich war. Deshalb haben wir nach anderen Wegen gesucht und ich bin mit einer der Frauen, Sana, zur „Langen Nacht der Ausbildung“ gegangen. Sie hat sich selbst informiert und die Gespräche eigenständig geführt. Nach einem Bewerbungsverfahren bekam sie eine Stelle in einer Qualifizierungsmaßnahme mit Aussicht auf eine Ausbildung.

Was mich fasziniert: Wenn ich etwas anstoße, nehmen die jungen Menschen das in die Hand und machen etwas daraus. Am Anfang sah ich immer die Gefahr, dass sie denken, sie müssen alles genau so machen, wie wir das sagen. Deshalb habe ich mir das Ziel gesetzt, ihnen immer nur die Fakten zu geben, damit sie das Problem selbst lösen. Das ist ein mühsamer Weg, aber ich sehe große Fortschritte. Die jungen Menschen sind sehr stolz, wenn etwas klappt und wir freuen uns dann gemeinsam.

Das Tandem hat natürlich Auswirkungen auf mein privates Umfeld. Mein Sohn bekommt durch mich viel mit und trägt das auch in seinem Freundeskreis weiter. Viele ältere Leute begegnen mir mit Unverständnis und meinen etwa, in Flüchtlinge werde zu viel Geld investiert. Ich sehe in solchen Phrasen eine Chance ins Gespräch zu kommen. Manchmal kann ich dann jemanden überzeugen. Insgesamt habe ich den Eindruck, dass unsere Stadt offener geworden ist. Hier entstehen Begegnungsstätten, in denen sich alle treffen und mit Flüchtlingen in Kontakt kommen. Das finde ich gigantisch.“

Die Jugendliche: Sana Adeb* aus Afghanistan

„Der Anfang hier in Deutschland war sehr schwer für mich. Ich kannte nichts und hatte keine Ahnung, wie ich einen Sprachkurs machen kann. Als afghanischer Flüchtling durfte ich keinen Integrationskurs besuchen. Das war im Jahr 2015. Zum Glück hat mir der IB einen Jugendkurs angeboten. Dort habe ich Brigitte Hampel vom JMD kennengelernt. Sie hat mich mit Christiane Knoblach zusammengebracht. Frau Knoblach kenne ich seit 14 Monaten. Für mich ist sie wie ein großer Engel.

Sie hat mir sehr geholfen und mir so vieles erklärt. Von Anfang an habe ich meine Probleme mit Frau Knoblach geteilt. Wie haben auch viele Fragen besprochen, z.B. warum ich für Gespräche bei Ämtern oder Ärzten einen Termin brauche und nicht einfach hingehen kann.

Gerade mache ich eine Einstiegsqualifizierung. Danach werde ich mit einer Ausbildung zur Fachdienstleiterin in der Arbeitsverwaltung beginnen. Den Kontakt habe ich bei der „Langen Nacht der Ausbildung“ bekommen bei der ich mit Frau Knoblach war.

Für mich war fast alles neu. Ich musste bei so vielen Dingen von Null anfangen. Hier habe ich ganz neu gelernt, was eine Frau alleine alles machen kann. Bei uns in Afghanistan sind Frauen oft abhängig von Männern. Hier lerne ich, anders mit Problemen umzugehen. Ohne Frau Knoblach hätte ich das nie geschafft.“

* Name von der Redaktion geändert.


Der Weg zum eigenen Projekt mit Ehrenamtlichen

Was braucht man, wenn man als Beratungsstelle o.ä. auch ein Projekt mit Ehrenamtlichen umsetzen möchte? Zuerst einen Plan, einen Schwerpunkt und ein Vorgehen, wie geeignete Ehrenamtliche gefunden und für die Aufgabe begeistert werden können. Ist eine Zusammenarbeit zeitlich begrenzt oder langfristig angelegt? Was kann ich Ehrenamtlichen bieten?

Wichtig: Die Arbeit kann nicht auf Ehrenamtliche abgeladen werden. Tandems brauchen Unterstützung und feste Ansprechpartner, interkulturelles Training und regelmäßige Supervision.

Steckbrief

Projektdauer:  seit 10/2015 – fortlaufend.
Teilnehmerzahl: zurzeit 17 Ehrenamtliche und 27 Jugendliche.
Netzwerkpartner: Örtliche Ehrenamtsbörse, Schulen, Vereine und Verbände.
Voraussetzung:
Infrastruktur: Ein hauptamtlicher Verantwortlicher beim JMD.
Ehrenamtliche: Bereitschaft, sich mit anderen Kulturen und Lebenswegen auseinanderzusetzen, berufliche/persönliche Erfahrung, Offenheit
Jugendliche: Interesse am Austausch, Bereitschaft, das Erlernte selbst umzusetzen.
Besonderheit: Die Ehrenamtlichen bekommen Supervision und andere Unterstützung.
Das bringt’s: Für die Jugendlichen: Integration, langfristige Beziehungen, Orientierung, enger Kontakt zu den Mentoren und guter Einblick in die neue Kultur.
Für die Ehrenamtlichen: Interkulturelles Training, Erfahrungen, positive Rückmeldungen, Erfolgserlebnisse.
Für die Gesellschaft: Verbesserte Integration, Stärkung der Gemeinschaft, Multiplikation positiver Erfahrungen mit Geflüchteten.
Problem: In diesem Projekt ist lediglich eine halbe Stelle der Hauptamtlichen finanziert. Jegliche Ausgaben (für Bücher zur Orientierung und für unterstützenden Unterricht, Freizeitveranstaltungen, Besuche, Fahrtkosten u.v.a.m.) können aktuell nur durch eine außergewöhnlich großzügige Spende (1300,-€) von einer Ortsgemeinde  bezuschusst werden. Ansonsten werden sämtliche Kosten (Fahrtkosten, Ausflüge, Eintritte) auf freiwilliger Basis von den Ehrenamtlichen übernommen, die keinerlei Aufwandsentschädigung erhalten können.

Fotonachweis: JMD Bad Kreuznach

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