beraten - begleiten - bilden

465 Jugendmigrationsdienste in Deutschland

Leben, laufen und lachen in Aachen

 

Omar schaut mit ernstem Blick. Als er vor zwei Jahren nach Deutschland kam, hatte er ein festes Ziel. Im JMD Aachen fand er Hilfe und traf auf die Sozialarbeiterin Anna Duhovnaya. Mit ihr hat er in den letzten Jahren hart daran gearbeitet, wieder selbstständig leben zu können.

JMD-Beraterin Anna Duhovnaya und Omar im Gespräch über seine beruflichen Möglichkeiten.

 

Anderthalb Jahre lang dauerte die Rettungsaktion, Omar nach Deutschland einreisen zu lassen. Der Krieg hatte ihm mit Anfang 20 beide Beine genommen und er war in sehr schlechter körperlicher und psychischer Verfassung. Die starken Schmerzen und die geringen medizinischen Möglichkeiten ließen ihn und seine Familie verzweifeln. Eine Bekannte in Aachen wandte sich an den JMD und gemeinsam versuchten sie Omar vor dem Tod in Syrien zu retten. UNHCR, Ärzte ohne Grenzen, das Auswärtige Amt und andere wurden kontaktiert. Erst die Härtefallkommission NRW gab dem Antrag statt und Omar wurde die Flüchtlingseigenschaft zuerkannt. Er durfte legal nach Deutschland einreisen.

Ausgestattet mit einem alten Rollstuhl und der Hoffnung auf eine bessere medizinische Versorgung, kam er endlich in Deutschland an. Vielleicht würde er in diesem Land Prothesen erhalten und vielleicht würde er irgendwann sogar wieder laufen können.

Auf die Frage, wobei der JMD ihm geholfen hätte, atmet er erstmal langsam aus und sagt: „Bei so vielen Sachen, die kann ich gar nicht alle aufzählen.“ Dann versucht er es trotzdem:

Ärzte, Medikamente, die richtige Behandlung finden. Insbesondere die Suche nach muttersprachlichen Fachärzten oder Dolmetschern, die ihn ausreichend aufklären konnten, damit er gute Entscheidungen treffen konnte. Darüber hinaus einen Sprachkurs und eine Wohnung für ihn finden. Den Schwerbehindertenausweis beantragen und noch vieles mehr. Auch für den JMD eine neue Herausforderung, denn einen Jugendlichen mit Behinderung hatte Anna Duhovnaya bis dato noch nicht in der Beratung. „Für mich war es am Anfang ebenfalls kompliziert. Ein neuer Bereich tat sich auf. Was steht Menschen mit Behinderung zu? Auf welche speziellen Leistungen haben sie Anspruch? Bei welchen Stellen müssen sie sich melden? Das war für uns beide ein Lernprozess, herauszufinden, was Omar benötigt und was wir für ihn erreichen können. Ich war in regelmäßigem Kontakt mit der Beratungsstelle für Menschen mit Behinderung, die uns sehr unterstützt hat“, erklärt die JMD-Beraterin.

Die Finanzierung zu sichern und den Alltag zu meistern, sind für Omar und die JMD-Beraterin die größten Aufgaben. Gerade zu Beginn verstand Omar vieles nicht, sprach kaum Deutsch und kannte niemanden. Über ein Jahr lang haben sie für eine Haushaltshilfe gekämpft. Anträge schreiben, Ablehnungsbescheide erhalten, dann wieder Anträge schreiben. Denn der Alltag für Omar ist mit Rollstuhl und andauernden Schmerzen nicht leicht zu meistern. Mittlerweile ist er auf einem sehr guten Weg der Genesung, dank einem neuen Rollstuhl, den High-Tech-Prothesen und der Physiotherapie.

Stolz zeigt Omar seine Prothesen.

Das anfängliche Gefühl, endlich in Sicherheit angekommen zu sein und möglicherweise irgendwann wieder laufen zu können, wich schnell dem Gefühl der Frustration, nicht voranzukommen. „Dieses Gefühl muss von uns als Beraterinnen und Berater aufgefangen werden, auch wenn wir zunächst einmal auf die mangelnden strukturellen Rahmenbedingungen wenig Einfluss haben“, erklärt Anna Duhovnaya. Doch trotz der Frustration gab Omar nicht auf.
Neue Prothesen, Physiotherapie und Übungen zu Hause zeigen mittlerweile Erfolge. „Noch ist es sehr anstrengend und schwierig, längere Strecken mit Krücken zu laufen. Daher benötige ich noch den Rollstuhl. Zu Hause schaffe ich es aber ohne Krücken“, lächelt er.

Seine Vorstellung von Deutschland hat sich verwirklicht. Hier hat er die Möglichkeit, wieder selbstständig zu leben. Derzeit besucht er einen Sprachkurs, der ihm gut gefällt. Er muss erst die lateinischen Buchstaben lernen, also alphabetisiert werden. Das sei aber nicht schwer, sagt er. „Deutsch ist leicht, nur die Aussprache ist etwas kompliziert.“

Auch der Traum vom Laufen kann wahr werden und er möchte bald einen Job finden. Er fühlt sich nicht fremd in Deutschland. „Gegenseitiges Verständnis ist wichtig“, sagt Omar. „Man muss sich öffnen und informieren. Es geht nicht nur darum, die Menschen hier kennenzulernen, sondern sich auch mit dem System auseinanderzusetzen. Zum Beispiel, sich über die Gesetze zu informieren und zu lernen, wie das Leben hier funktioniert.“ Deutschland ist für ihn mittlerweile Heimat. Er kann sich nicht vorstellen, nochmal woanders zu leben.

„Ich wusste, es würde sehr schwer für mich werden. Doch dank Anna vom JMD war es leichter, als ich dachte“, lächelt Omar dankbar.

 

Ein gutes Team: JMD-Beraterin Anna Duhovnaya in ihrem Büro mit Omar.

„Zu sehen, wie Omar sich in der Zeit entwickelt hat, ist sehr schön. Es gab auch frustrierende und deprimierende Zeiten. Aber Omar hat eine große Willenskraft und sehr viel Stärke. Seine offene und sympathische Ausstrahlung hat ihm schon in der Gemeinschaftsunterkunft geholfen. Er fand schnell Anschluss. Zum Beispiel konnte ich mir einen Antrag auf Umzugskosten sparen, da Omar schon alles über und mit Freunden geregelt hatte“, lacht die JMD-Beraterin.

Omar wirkt ruhig, dankbar und angekommen. Er kommt seinem Ziel immer näher. Anna Duhovnaya fasst es zusammen: „Er hat diesen Weg von Syrien unter widrigen Umständen bis nach Deutschland alleine geschafft. Ich mach mir keine Sorgen. Er wird alles erreichen, was er will, solange er weiß, was er will!“

Weitere Themen: JMD vor Ort stellt sich vor

Weitere Themen: Aktionen und Projekte der JMD