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465 Jugendmigrationsdienste in Deutschland

Jede und jeder Einzelne steht in Altenkirchen im Mittelpunkt

Starker Einsatz des Ein-Frau-Büros in Altenkirchen

Das ist einer von den Tagen, an denen die JMD-Beraterin schon morgens kaum noch weiß, wo ihr Kopf steht - an denen sie abends aber sicher sein kann, dass sie einen tollen Job gemacht hat. Stephanie Lörsch, Sozialpädagogin mit viel Erfahrung in der Frauen- und Migrationsarbeit und Leiterin des Jugendmigrationsdienstes in Altenkirchen ist der ruhende Pol in der Fachstelle. Als einzige Mitarbeiterin ist sie Dreh- und Angelpunkt der Geschäftsstelle, die in der Trägerschaft des Diakonischen Werkes zu einem bestens funktionierenden Netzwerk gehört.

 

Bild mit JMD-Beraterin Stephanie Lörsch und dem jungen Syrer Ahmad

JMD-Beraterin Stephanie Lörsch mit dem jungen Syrer Ahmad - die beiden wissen, was sie an einander haben und kämpfen dafür, dass Ahmad in Deutschland Fuß fassen kann.

"Der Jugendmigrationsdienst Altenkirchen versteht sich als ein Fachdienst mit Schnittstellenkompetenz: Er verbindet in seiner Arbeit das Thema Jugendhilfe mit den Themen Migration und Integration", erklärt die JMD-Beraterin den Aufgabenbereich ihres Büros. Und damit bringt sie gleich die Vielfalt der Aufgaben in den Fokus, die sie als "Lebens- und Laufbahnberatung" bezeichnet.

 

Im JMD stehen individuelle Hilfen im Mittelpunkt

Gerade das Casemanagement liegt Stephanie Lörsch sehr am Herzen, und so betreut sie zurzeit 104 laufende Fälle. In jeweils dreijähriger Begleitung führt die Sozialpädagogin junge Menschen mit Migrationshintergrund über den schwierigen Grat, den der Übergang Schule-Beruf darstellt. "Mir ist wichtig, dass wirklich jede und jeder hier haargenau in den Sprachkurs und in die Schule kommt, die zu ihr oder ihm passt", sagt die engagierte Leiterin. Neben der Vorbereitung auf den passenden - das Wort "passend" ist im JMD Altenkirchen Programm - Beruf, versteht Stephanie Lörsch ihren Job auch als Sozialberatung, "wenn es ums Kindergeld, ALG II oder Zugang zur Tafel geht." Ganz persönliche Hilfe bei Schwierigkeiten mit dem Vermieter gehört dazu genauso wie die Prüfung von Verträgen oder die Anerkennung von Dokumenten und Ausbildungsnachweisen.

Gleichzeitig muss die Geschäftsstellenleiterin zugeben: "Wir haben viele Ziele aber nur wenige Möglichkeiten, sie mit eigenen Methoden umzusetzen." Daher erweist es sich als besonders hilfreich, dass sie in der Stadt vorzüglich vernetzt ist und so die betreuten Jugendlichen in alle möglichen und wünschenswerten Weiterbildungsmaßnahmen vermitteln kann: Sprachkurse, Bewerbungstrainings und andere Aktivitäten, die oft durch "befreundete" Sozialeinrichtungen übernommen werden, mit denen der JMD Altenkirchen in engem Kontakt steht.

 

Vernetzung für und mit Jugendlichen

Der Tag also.

Früh morgens bereitet sich Stephanie Lörsch auf ein wichtiges Treffen vor. Denn heute findet die Berufsmesse statt, und da wird der JMD erstmals mit einer ganz eigenen Aktion teilnehmen: 29 junge Migrantinnen und Migranten sollen hier erste Kontakte mit möglichen neuen Arbeitgebern knüpfen. Es ist eine dieser Aktionen, die durch die intensive Netzwerkarbeit von Lörsch entstanden sind: Gemeinsam mit der Ehrenamts-Beauftragen des Landkreises Altenkirchen Andrea Rohrbach soll die Messe intensiv für junge Menschen mit Migrationshintergrund genutzt werden. Da trifft es sich gut, dass Rohrbachs Mann bei der IHK arbeitet, die die Messe organisiert. Die Informationswege sind kurz in Altenkirchen, und das macht sich bezahlt.

 

Bild mit Ahmad und einem weiterem jungen Flüchtlingen. Beide sitzen vor einem PC

Ahmad feilt mit seinem Freund Farhad noch ein wenig an den Bewerbungsunterlagen. Gleich geht's los.

Inzwischen ist es Vormittag, und in der Altenkirchener Kreisverwaltung finden sich im PC-Übungsraum die 29 angehenden Messebesucher ein. Auch Ahmad ist dabei. Der 20-jährige Syrer lebt seit acht Monaten in Deutschland. Er ist mit zwei Geschwistern vor dem Bürgerkrieg geflohen, lebte vier Jahre im Libanon, wo er zwischenzeitlich als Konditor-Gehilfe arbeitete. Der höfliche, aufgeweckte und "möglichst immer fröhliche" junge Mann strahlt Ruhe und Selbstzufriedenheit aus.

 

Frieden in Altenkirchen im Westerwald

Bild von Ahmad in Nahaufnahme

Ahmad freut sich auf die Berufsmesse 

"Es ist schön hier", meint er und guckt auf die Hügel des Städtchens, das mit seinen 8.000 Einwohnern bis vor kurzem noch die kleinste Kreisstadt in Deutschland war. "So friedlich. Und die Leute sind nett. Keiner fragt einen nach der Religion oder so was."

Friedlich, das Wort fällt immer wieder auch im Gespräch mit den anderen Teilnehmenden dieses Aktionstages. Denn während immer mehr junge Leute aus alt eingesessenen Familien ihre Heimatdörfer verlassen, um in den Städten zu studieren oder zu arbeiten, genießen gerade Menschen aus umkämpften Krisengebieten die Ruhe der Region und die raue Herzlichkeit der Bewohnerinnen und Bewohner.

Ahmad ist gespannt was da auf ihn zukommen mag, seine Unterlagen sind schon seit einiger Zeit perfekt vorbereitet. Das hat er im Deutsch-Unterricht über den JMD gelernt, die Mappe klemmt lässig unter seinem Arm.Bei den anderen Jugendlichen ist das noch kurz vor der Messe nicht ganz so durchorganisiert. Deshalb sitzen Lörsch und Rohrbach bis zur letzten Sekunde im PC-Übungsraum und merzen Fehler an den Unterlagen der Jugendlichen aus.

 

Aufbruch zum "Messegelände"

Unterwegs erzählt Ahmad, dass er endlich einen Aufenthaltstitel hat. Er zeigt stolz den zugehörigen Ausweis. Ein Plastikkärtchen ist das Ticket zum Frieden. Er würde gerne öfter seinen Bruder sehen, der in Stuttgart gelandet ist. Oder seine kleine Schwester, die in der Türkei lebt. Und dann seine Eltern und seine ganz kleine Schwester aus Syrien nachholen - aber das sind erst mal nur Träume.

Bild mit Ahmad und zwei weiteren jungen Flüchtlingen, stehend vor einem Tisch

Ahmad und seine Freunde überlegen, wie sie sich bei den einzelnen Firmen präsentieren wollen.

Die nahe Zukunft sieht anders aus, und die trifft Ahmad bei der Berufsmesse in Form des Personalleiters der Werit Kunststoffwerke. Ahmad hat ihn schon vor zwei Wochen kennengelernt. Die Firma Werit will einen Beitrag zur Integration von Flüchtlingen leisten und hat nach einer Anfrage an die Altenkirchener Diakonie Kontakt zu Stephanie Lörsch bekommen. Und die hat dann das Treffen organisiert. Jetzt kann Ahmad beweisen, dass er hart an der wichtigsten Voraussetzung für einen Praktikumsplatz bei Werit arbeitet: an seinen Sprachkenntnissen. Die gedeihen prächtig, so dass er wohl in wenigen Monaten seinem Traum ein Stück näher kommen wird: Einen Ausbildungsplatz zu finden, in dem er seine Computerkenntnisse und die Leidenschaft für Arbeit mit Maschinen unter einen Hut bringen kann.

 

Bild mit Wirtschaftsjunior Daniel Geldsetzer

Wirtschaftsjunior Daniel Geldsetzer ist in seinem Element. Im Gespräch mit Schreinermeister Schumann kann er einen der jungen Migranten für ein Praktikum vermitteln. Ahmed hatte schon in Syrien als Schreiner gearbeitet.

Schritte in die Zukunft - mit JMD und den Wirtschaftsjunioren

So einem Schritt ist inzwischen auch der Namensvetter Ahmed näher gekommen. Der junge Mann, ebenfalls aus Syrien, hat vor seiner Flucht als Schreiner gearbeitet, das würde er auch in Deutschland gerne tun. Da trifft es sich perfekt, dass ein weiterer Partner im JMD-Projekt "Messebesuch" Daniel Geldsetzer ist. Der 34jährige Unternehmer ist Vorsitzender bei den Altenkirchener Wirtschaftsjunioren und unterstützt die jungen Migrantinnen und Migranten heute bei ihrem Messebesuch mit Kontakten zu Vertretern der lokalen Wirtschaft.

"Wir sehen es durchaus als eine unserer Aufgaben an, auch solche Aktionen zu unterstützen. Integration bekommen wir nicht mit Geld oder Sachleistungen hin. Das klappt am besten über Sprache und Arbeit." Und als Inhaber einer Firma für Medienproduktion und Imagebekleidung weiß er, wie wichtig das Beschreiten neuer Wege gerade in strukturschwachen ländlichen Regionen ist, um motivierte Arbeitskräfte zu finden.

"Wir als Wirtschaftsjunioren können da als Türöffner helfen", erklärt Daniel Geldsetzer. Für Ahmed jedenfalls hat er eine Türe geöffnet, denn ein Schreinermeister aus Altenkirchen will dem jungen Syrer einen Praktikumsplatz anbieten - das hat er spontan auf der Berufsmesse angekündigt.

 

Auch für Ahmad hat sich der Besuch gelohnt. Noch ist er mit dem Sprachkurs vollauf beschäftigt. Aber schon jetzt ist abzusehen, dass seine Kenntnisse bald ausreichend sind, um mit den ersten Praktika zu beginnen. Seine Leidenschaft für Computer und technische Geräte werden ihm helfen, dem nächsten Ziel näher zu kommen: Eine Ausbildung zum Industriemechaniker zu absolvieren. Ob der Einsatz von JMD und Wirtschaftsjunioren dabei Früchte trägt? Im Moment sieht es gut aus.

Die Türen, so scheint es nach diesem Tag, stehen den junge Migrantinnen und Migranten recht weit offen. Und junge Menschen wie Ahmad und Ahmed wissen das enorm zu schätzen. Die Aussicht darauf, in einem Land in Frieden arbeiten zu können, macht sie glücklich. 

 

Bild mit JMD-Beraterin Stephanie Lörsch, Ahmad, dem jungen Flüchtling und zwei Vertretern von Unternehmen

JMD-Beraterin Stephanie Lörsch trifft überall Bekannte: Sie hat schon an viele Firmen junge Menschen als Praktikanten oder gar als Auszubildende vermittelt. Sie ist zuversichtlich, dass ihr das auch mit Ahmad gelingen wird. 

Zurück bleibt Stephanie Lörsch, die abgekämpft aussieht nach den vielen Gesprächen, die sie mit und für die Jugendlichen geführt hat. Es hat sich gelohnt, dass der JMD Altenkirchen gemeinsam mit den Wirtschaftsjunioren, der IHK und der Kreisverwaltung diese Jugendberufsmesse genutzt hat. Die Jugendlichen konnten viele wichtige Kontakte knüpfen. Wie gesagt: Stolz kann die JMD-Beraterin darauf sein.

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