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466 Jugendmigrationsdienste in Deutschland

Unter Vertrauten! Warum Gruppenausflüge mehr sind als nur Spaß

Vierzehn Mädchen albern vor dem Fernsehturm herum, lachen, schubsen sich, lehnen sich an. Sie sind ausgelassen und ein bisschen aufgeregt. Einige der Mädchen tragen Kopftuch, andere nicht, manche kommen in Hosen, andere in Röcken. Die Gruppe wirkt so gemischt wie eine Schulklasse, aufgedreht wie es sich bei einem Klassenausflug gehört. Aber es ist kein Klassenausflug.

 

Fröhlich, bunt und selbstbewusst: die Mädchengruppe vom JMD Barnim-Oberhavel besucht Berlin.

Die Mädchen, die an einem Samstag einen Ausflug ins Aquarium Berlin machen, gehören zur Mädchengruppe des JMD Barnim-Oberhavel. Sie sind aus Oranienburg, Hennigsdorf und Velten angereist. Oranienburg ist einer der vier Standorte des Jugendmigrationsdienstes. Seit wenigen Jahren leben die jungen Frauen in Deutschland, aufgewachsen sind sie in Syrien oder in Russland. Der Ausflug nach Berlin ist einer der Momente, in denen sie nicht über die Probleme und Sorgen nachdenken, die ihre Lebenssituation mit sich bringt. Heute geht es nicht um Papiere, Familiennachzug, Übersetzungen, Sprachkurse, Anerkennung, Krieg und Flucht. Heute geht es nur um ihren Ausflug nach Berlin und um sie.

Mehr als Spaß

„Normalerweise kommen die jungen Frauen zu mir, wenn sie Hilfe brauchen. Das sind meist sehr ernste Gespräche“, erzählt JMD-Beraterin Irina Nekrasow, die das Gruppenangebot betreut. „So ausgelassen und fröhlich wie hier, erlebe ich sie sonst so gut wie nie. Bei den Ausflügen haben wir unheimlich viel Spaß zusammen. Da ist die Gruppe manchmal richtig albern.“ Wenn die Mädchen und jungen Frauen sich gemeinsam auf den Weg machen, um ihre neue Heimat zu erkunden, geht es trotzdem um viel mehr als nur um Spaß. Manche von ihnen würden sich nicht trauen, alleine etwas Neues auszuprobieren. Weil sie selbst unsicher sind, die Sprache und die Orientierung im neuen Land noch lernen oder weil Familie, Tradition und kulturelle Identität Alleingänge im Unbekannten nicht zulassen würden. Auch deshalb ist es gut für die Mädchen, dass sie in der Gruppe unter sich sind. Wären junge Männer dabei, gäbe es nicht nur eine andere Gruppendynamik, für einige der jungen Frauen käme der Ausflug dann gar nicht zu Stande.
Inzwischen kennen und lieben die jungen Frauen ihre gemeinsamen Ausflüge. Im vergangenen Sommer waren sie für ein paar Tage an der Ostsee und haben sich bei mehreren Tagesexkursionen Berlin angesehen, waren im Kletterpark und im Naturkundemuseum. Im Moment planen sie bereits den nächsten Sommerausflug an die Ostsee. Dann wollen sie zu Madame Tussauds - Promis gucken.

Auf Erkundungstour

Heute bewegen sich die jungen Frauen mit einer viel größeren Selbstverständlichkeit in ihrer neuen Umgebung als zu Beginn ihrer Treffen. Die Familien wissen inzwischen, dass sie die Töchter mit einem guten Gefühl mitfahren lassen können. Einige der jungen Frauen haben ihre jüngeren Schwestern mitgebracht, zwischen 15 und 27 sind die Reisenden. Alle passen ein bisschen aufeinander auf. Auch wenn sie nach dem Besuch des Aquariums noch in kleinen Gruppen durch die Stadt ziehen und sich danach auf den Rückweg machen. „Wir sind einfach noch ein bisschen rumgelaufen, haben uns die Leute und die Künstler auf dem Alexanderplatz angeschaut und ein bisschen gequatscht“, erzählt Shiren nach dem Ausflug. Beim „bisschen quatschen“ haben sich die Freundinnen über eine neue Ausbildungsstelle in der Druckerei unterhalten. Vielleicht, so dachte Sherin danach, ist das ja auch etwas für sie. Sie wird mal in die Richtung weiterdenken. Genau darum geht es bei den gemeinsamen Reisen: In der neuen Umgebung kommen die Mädchen mal dazu, sich entspannt auszutauschen. Wenn dann ganz nebenbei mehr Selbstsicherheit, Orientierung und vielleicht sogar ein Berufswunsch herauskommt, hat sich der Ausflug mehr als gelohnt.

JMD Beraterin Irina Nekrasow sieht große Fortschritte in Sprache und Emanzipation der jungen Frauen.

Ankommen unter Mädchen

Einige Tage nach dem Ausflug, stellt Irina Nekrasow fest, dass sich noch etwas getan hat beim Besuch in Berlin: Wenn die Mädchen im Sommer wieder wegfahren, so haben sie sich überlegt, soll es doch nicht an die Ostsee gehen, sondern woanders hin. „Das ist neu, dass die Gruppe sich selbst überlegt, wo sie hinmöchte. Das wäre vor zwei Jahren undenkbar gewesen“, erinnert sich Irina Nekrasow.

In der Gruppe ist viel passiert, seit sie zum ersten Mal 2016 zusammen weggefahren ist. Damals an der Ostsee waren sie zusammen schwimmen, klettern, haben zusammen gesessen, gelacht, sie haben sich Gedanken über Geschlechterrollen in Deutschland und in ihren Heimatkulturen gemacht und sind immer näher zusammengerückt. „Damals waren viele von uns noch nicht lange in Deutschland. "Wir hatten sehr viel Stress und sehr viele Probleme. Der erste Ausflug war für mich das erste Mal, dass ich dachte, ich kann einfach mal den ganzen Stress vergessen“ sagt Sherin heute. Auch Christiane Goldschmidt, Leiterin des JMD Barnim Oberhavel, sieht bei den Mädchen eine sehr starke Entwicklung nach vorne. „Natürlich müssen unsere Aktionen immer einen pädagogischen Zweck erfüllen. Aber manchmal bringt es für die Integration am meisten, wenn die Jugendlichen zwischendurch Momente haben, in denen sie einfach mal ohne Druck zusammen sein und sich ausprobieren können. Bei den gemeinsamen Aktionen passiert ganz viel in Richtung Emanzipation. Sie trauen sich mehr zu, sie hinterfragen mehr und sie lernen eine andere Freiheit kennen, die sie nutzen können. So lernen sie auch besser, Pläne zu entwickeln.“ Ihr pädagogisches Ziel erfüllt das Gruppenangebot für die Mädchen fast schon nebenbei. Denn jeder Ausflug ist ein großer Schritt in Richtung Emanzipation und Integration. Für die Gruppe und für jede einzelne der jungen Frauen.

Bisschen quatschen und dabei Zukunftspläne schmieden: Shiren, Raghad und Sherin (v.l.n.r.) vor dem Neptunbrunnen in Berlin

 

JMD Barnim-Oberhavel

Der JMD Barnim-Oberhavel in Trägerschaft der Hoffnungstaler Stiftung Lobetal gehört zur evangelischen Trägergruppe und erstreckt sich über vier Standorte: Oranienburg, Eberswalde, Bernau und Hennigsdorf. Als ehemaliger jmd2start-Modell-Standort hat der JMD in den letzten Jahren schon Erfahrung mit der Beratung von geflüchteten Jugendlichen mit unterschiedlichen Bleibeperspektiven gesammelt. Die meisten der jungen Menschen kommen aus Syrien, Afghanistan, Eritrea und der Russischen Föderation. Gerade in der Fläche arbeiten die vier Standorte eng mit verschiedenen Netzwerkpartnern zusammen. Die Arbeit mit der Mädchengruppe in Oranienburg gibt es seit 2013. Die heutige Mädchengruppe ist seit zwei Jahren zusammen.

www.jugendmigrationsdienste.de/jmd/barnim-oberhavel

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