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465 Jugendmigrationsdienste in Deutschland

Paten für die Zukunft

Paten für die Zukunft

Das Projekt „JUGEND STÄRKEN: 1000 Chancen“ unterstützt benachteiligte Jugendliche auf ihrem Weg in die berufliche Zukunft. Ein Gespräch mit Monika Schleimer, Projektleiterin bei den Wirtschaftsjunioren im Westerwald-Lahn-Kreis, und Alexander Böhler, Leiter des Jugendmigrationsdienstes (JMD) Montabaur.

Monika Schleimer und Alexander Böhler arbeiten gerne zusammen. Beide setzen sich mit großem Engagement für junge Menschen mit Migrationshintergrund ein, beide teilen Erfahrungen. Alexander Böhler kam als Student aus Kasachstan nach Deutschland. Monika Schleimer wanderte mit Anfang 20 aus Polen ein.  

 

Bild mit Monika Schleimer, Wirtschaftsjunioren Westerwald-Lahn-Kreis und Alexander Böhler, JMD Montabaur

Monika Schleimer, Wirtschaftsjunioren Westerwald-Lahn-Kreis und Alexander Böhler, JMD Montabaur

 

Neuanfang in Deutschland

Monika Schleimer hatte in Polen Bautechnik studiert und wollte damit ins Ausland. Sie war neugierig auf Deutschland und zog in den Westerwald. Dort arbeitete sie auf einem Bauernhof: „Es war etwas ganz anderes, als ich gelernt hatte. Meine Stärke war eigentlich immer die Sprache gewesen.“ Später entdeckte sie ihr Verkaufstalent. Sie arbeitete bei einer Bausparkasse, wo sie zunächst Kaffee kochte. „Das war immerhin eine Chance! Ich durfte im Büro sein, Überweisungen tätigen, beobachten, wie andere Verkäufer arbeiteten und meine Sprache verbessern.“ Mittlerweile ist sie selbstständige Immobilienberaterin. 

Alexander Böhler kam mit 21 Jahren nach Deutschland. Noch während eines Sprachkurses holte er das Abitur nach, dann studierte er Diplom-Pädagogik. Schnell begleitete er internationale Jugendaustausche und leitete Projekte für SpätaussiedlerInnen. Dann kam er zum JMD. Seitdem steht er jungen Menschen mit Migrationshintergrund zur Seite. Mittlerweile leitet er den JMD und ist fester Bestandteil der Jugendhilfe. 

Wie kamen Sie zu dem Projekt?

Schleimer: Ich habe das Projekt bei den Wirtschaftsjunioren kennengelernt. Weil ich selbst einen Migrationshintergrund habe und die Schwierigkeiten kenne, hat es mich gleich fasziniert. 

Böhler: Als Monika auf mich zukam, war ich sofort dabei. 

Ihr habt aus euren Anfängen in Deutschland erzählt. Was hätte die Zusammenarbeit zwischen den Wirtschaftsjunioren und den JMD euch gebracht?

Böhler: Das Projekt steht im krassen Gegensatz zu unserer Situation damals. Es gab keine individuelle berufliche Unterstützung. Ich wäre froh gewesen, wenn ich so ein Projekt gekannt hätte. Die Wirtschaftsjunioren kommen zu uns, um Nachwuchskräft zu finden. Wir vermitteln ihnen Menschen mit unterschiedlichen Potentialen. 

Schleimer: Meine Chance bekam ich damals bei der Bausparkasse, das hat mir Türen geöffnet,  die waren wie Paten für mich. Ich brauchte meinen starken Willen, aber mich haben auch eine Menge Leute unterstützt. An mir lag es, diese Unterstützung richtig zu nutzen.

Böhler: Wenn ich keine Hochschullaufbahn gewählt hätte, sondern eine Ausbildung, wäre das eine große Hilfe gewesen - beim Bewerbungsschreiben, im Praktikum, beim Start in die Ausbildung. Für Jugendliche, die es nicht alleine schaffen, ist es eine riesige Unterstützung. 

Monika Schleimer akquirierte bisher 18 Unternehmen im Westerwald-Lahn-Kreis, die verschiedene Möglichkeiten für den Berufseinstieg von jungen Menschen bieten. Mit diesem Pool trat sie an den JMD heran, der den Zugang zu den Jugendlichen bietet.

Böhler: Im Westerwald-Lahn-Kreis gibt es viele Projektbausteine. Die Unternehmen bieten Praktika, Betriebserkundungen, Coaching oder auch Ausbildungsplätze an. Einfach ist es trotzdem nicht. Man muss dahinter stehen, sich auf den Jugendlichen einlassen, sie motivieren. Diese Vorarbeit läuft über uns. Wir schauen, welche Jugendlichen und welche Unternehmen zueinander passen. 

Schleimer: Es geht auch darum, das Selbstwertgefühl zu steigern und die Motivation zu stärken. Die Jugendlichen müssen wieder an sich selbst glauben. 

Wie schätzen Sie die Zusammenarbeit zwischen Wirtschaft und Sozialer Arbeit ein?

Schleimer: Ohne enge Zusammenarbeit würde es nicht funktionieren. Wie sollten wir an Nachwuchskräfte kommen? Der JMD kennt die Jugendlichen und ihre Potentiale.

Böhler: So sehen wir das auch. Aus Sicht der Sozialen Arbeit ist diese Kooperation ein zweites Standbein. Die berufliche Integration von jungen Menschen mit Migrationshintergrund ist Teil unserer Arbeit. Die Kontakte zu Unternehmen, die Kommunikation, das kann ein JMD nicht alleine leisten. Wir haben zwar Bewerbungstrainings, aber durch die Wirtschaftsjunioren  können wir den Jugendlichen viel mehr Möglichkeiten bieten.

Welchen Mehrwert habt ihr persönlich und beruflich durch die neue Zusammenarbeit?

Schleimer: Ich hatte Glück. Klar war mein Werdegang harte Arbeit. Aber ich habe tolle Leute getroffen. Jetzt kann ich etwas davon zurückgeben. 

Böhler: Ich hätte mir die Zusammenarbeit schon früher gewünscht. Es ist eine große Bereicherung, persönlich und fachlich. Man erweitert seinen Horizont, macht seinen beruflichen Weg breiter, lernt das System kennen. 

Schleimer: Das sind verschiedenen Welten. 

Böhler: Das kann ich den Jugendlichen erklären und sie besser vorbereiten. Wenn ein Wirtschaftsjunior sich vor sie hinstellt und sagt, dass er selbst mit einem kleinen Koffer hierher kam und erstmal Deutsch lernen musste, dann beeindruckt das. Es geht darum, junge Menschen mit ihren Fähigkeiten in den Vordergrund zu stellen, ihnen Mut zu machen. 

Schleimer: Wir wollen die Persönlichkeit des Jugendlichen stärken. Die teilnehmenden Wirtschaftsjunioren lernen die Jugendlichen gut kennen. Wir müssen unsere Jugend unterstützen und ausbilden - auch die, die Schwierigkeiten haben. 

Als ich sie nach den vermittelten Jugendlichen befrage, überschlagen sich die Antworten.

Böhler: Abraham* war in einem kleinen Betrieb für ein Praktikum. Der Chef war von ihm begeistert, weil er klug und motiviert war. Da er selbst keine Lehrstelle zu vergeben hatte, schrieb er ihm ein Empfehlungsschreiben und vermittelte ihn an ein größeres Unternehmen. 

Schleimer: Jetzt macht Abraham* seine Schreinerausbildung und ist sehr glücklich. 

Und Rückmeldungen von den Unternehmern?

Böhler: Die Unternehmer sagen, dass sie gerne Jugendliche aus dem JMD nehmen, weil die gut vorbereitet sind. Ich bin mit den Jugendlichen realistisch. Wenn sie utopische Vorstellungen haben, hole ich sie auf den Boden. Ich möchte nicht, dass nur Frustration auf den jungen Menschen wartet. Sie lernen hier, ihre Fähigkeiten richtig einzuschätzen. 

Schleimer: Es ist gut, dass der JMD da ist. Das gibt Unterstützung und einen Motivationsschub. 

Wie sieht die Zukunft des Projekts aus?

Böhler: Wir gehen in die Schulen in die Übergangsklassen und bieten Motivationstrainings an.

Schleimer: Wir machen auf jeden Fall weiter!

Insgesamt hat der JMD Montabaur gemeinsam mit den Wirtschaftsjunioren bisher 77 Jugendliche erfolgreich an Unternehmen vermittelt. 

 

Das Interview führte Eva Maria Bloch.

*Name wurde von der Redaktion geändert

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