Bild mit vier weiblichen Jugendlichen

Kunst kann die Welt verändern: JMD in Dormagen unterstützt junge Künstlerin

Im Schatten der katholischen Kirche im Zentrum von Dormagen liegt das Haupt-Büro der Jugendmigrationsdienste (JMD) für den Rhein-Kreis Neuss. Der Leiter Wolfgang Müller-Breuer und seine Kollegin Oksana Blattner erwarten heute einen ganz besonderen Gast. Die jesidische Künstlerin Rayida Barkisch wird durch ihre Ausstellung in der Stadtbibliothek Dormagen führen. Und dabei ihre Geschichte erzählen.

Es spricht die Künstlerin – Vernissage am 11. Juni 2022.

Für den Leiter des JMD in Dormagen Wolfgang Müller-Breuer ist Rayida Barkisch eine alte Bekannte, trotz ihres jugendlichen Alters. Die junge Jesidin kam mit 15 Jahren nach langer Flucht in Deutschland an, gemeinsam mit vier Schwestern. Allen Mädchen konnte über die Jahre immer wieder unbürokratisch geholfen werden. So brauchte die junge Rayida Nachhilfe in Englisch und Mathematik, mit einem Netzwerk von Ehrenamtlichen konnte der JMD Herausforderungen schnell lösen.

Auch der Bafög-Antrag zur Weiterbildung oder das Sozialticket für Bus und Bahn waren Meilensteine im Alltag der jungen Frau. Mit jedem Schritt wuchs das Selbstbewusstsein. Nach dem persönlichen Kompetenz-Management 2017 folgten der Profilpass (Qualifikationsnachweis im Rahmen der Berufs- und Weiterbildung) und 2018 die Teilnahme am Programm „Jugend stärken im Quartier“. Besonders prägend war die Teilnahme an der Aktion „Kunst spricht jede Sprache“, denn die eröffnete Rayida die Möglichkeit zur Ausstellung in der Stadtbibliothek, mit der sie jetzt ihren Weg zur anerkannten Künstlerin fortsetzt. Doch alles begann mit einer Flucht im Jahr 2014, die ihr Leben prägte.


Besprechung beim JMD: Rayida Barkisch, Wolfgang Müller-Breuer und Oksana Blattner.

Rayida ist eine von fünf Töchtern einer jesidischen Familie im Irak. Die etwa 800.000 Jesiden und Jesidinnen sind dort eine Minderheit, die monotheistische Religion hat eine lange Geschichte und wird im Irak, in Syrien und in der Türkei praktiziert. Und sie haben erbitterte Feinde in den Angehörigen des sogenannten Islamischen Staates (IS). Ein Frauenleben ist dort nichts wert, tausende Mädchen, besonders Jesidinnen werden auf Sklavenmärkten verkauft, viele vergewaltigt und erniedrigt. Diesen wird Rayida Barkisch später ein Gesicht geben, ihrer Ausdruckslosigkeit eine Stimme verleihen.

Die Flucht beginnt am 3. August 2014. Die Eltern und ihre fünf Töchter machen sich und die Fahrzeuge bereit, die Mutter packt noch Öl und Reis für ein paar Tage, dann heißt es, keine Zeit zu verlieren, denn diese Flucht wird lange dauern.

Nur der Opa bleibt zurück

Sie sind nicht die einzigen, die vor den IS-Kämpfern fliehen, eine ganze Karawane kämpft im Sindschar-Gebirge im Nordirak ums Überleben. Rayida erzählt: „Wir waren sieben Tage im Gebirge, ohne Wasser, ohne Nahrung, ohne Schutz. Wir alle wussten, was der IS mit Frauen macht und für unsere Mutter waren ihre Töchter ihr ganzes Leben.“ Nicht allen gelang die Flucht. Zwei Cousins wurden bei der Weigerung, zum Islam zu konvertieren, kurzerhand erschossen. Direkt vor der kurdischen Grenze erlebte die Familie den letzten IS-Angriff. Von der Türkei ging es mit 50 Leuten in einem kleinen Boot weiter auf eine griechische Insel. Aber auch hier erleben sie das ganze Flüchtlingselend. Rayida erzählt: „Unsere Flucht hatte kein Ziel, es ging nur ums Überleben, schließlich sind wir von Griechenland aus nach Deutschland zugeteilt worden."


Beste Freundinnen – Rayida Barkisch und Amal Krouma.

Die deutsche Sprache konnte Rayida nicht, aber sie konnte sich mit Stift und Papier ausdrücken, malen und zeichnen. Ihr Vater hatte sie dazu inspiriert, bat sie, Porträts zu malen. So entstand autodidaktisch der besondere Stil der jungen Jesidin.
Sie kommt zunächst nach Berlin, von dort nach Hamburg, dann nach Köln und schließlich nach Dormagen. Aufgeschlossen lernte Rayida Freundinnen und Freunde kennen. Nachdem sie in Hamburg ihre beste Freundin Inken kennengelernt hat, die sie fortan nur Mama Inken nennt, ist sie sich sicher: „Ein Mensch kann eine Heimat sein, aber niemals ein Land.“

Kunst fürs Leben

Heute ist Rayida Barkisch in Dormagen angekommen. Ihre Kunst wird noch immer von der Vergangenheit bestimmt, aber sie hat klare Vorstellungen von der Zukunft. Sie will sich engagieren und Verantwortung übernehmen. Sie sagt: „Jeder hat das Recht zu leben und sein Leben in die Hand zu nehmen.“ Das hat sie getan.

Die Künstlerin ist eine echte Macherin. Bereits in der Unterkunft für geflüchtete Menschen hat sie eine Wand mit ihrer Malerei geprägt, hat als freie Kunstlehrerin mit Kindern und Jugendlichen gearbeitet und wird nach dem Abitur Politik studieren. Nach ihrer ersten Ausstellung im Berufsbildungszentrum hat sie mit ihrer vierten Werkschau in der Stadtbibliothek Dormagen ein starkes Zeichen gesetzt. Schon der poetische Titel fasziniert: „Der lauteste Ton ist die Stille einer Frau.“ Damit gibt sie jesidischen Frauen, von denen viele in Deutschland leben, eine Stimme.

Bei der Eröffnung war auch Gohdar Alkaidy zugegen, der Vorsitzende der Stelle für jesidische Angelegenheiten. Mit Vorbesichtigung und Vernissage haben schon einige hundert Gäste die Werke gesehen. Die junge Malerin selbst sieht ihr Schaffen als politische Kunst, sie will wirken, aufklären und verändern, ihr Credo lautet: „Bilder sollen nicht schön sein. Sie müssen wirken für eine bessere Welt und die Weltgemeinschaft soll die Leiden jesidischer Frauen mit eigenen Augen sehen.“

Kunst spricht jede Sprache

Schon 2018 führte der JMD für den Rhein-Kreis Neuss im Rahmen des Bundesprogramms „Jugend stärken im Quartier“ das Angebot „Kunst spricht jede Sprache“ durch, man kennt sich also mit Kunst aus. Nun blickt das Team um Wolfgang Müller-Breuer stolz auf die Ausstellung von Rayida Barkisch, die ihre Anfänge beim Jugendmigrationsdienst in Dormagen gemacht hat. Allein im ersten Halbjahr 2022 betreute der JMD an den drei Standorten Dormagen, Grevenbroich und Neuss bereits 268 junge Menschen. Die insgesamt fünf Angestellten stellen mit drei freien Mitarbeitenden und zwei studentischen PraktikantInnen weitere Projekte auf die Beine, ein Mitarbeiter ist als Fachkraft im JMD-Programm Respekt Coaches an der Gesamtschule in Neuss-Norf tätig.


Oksana Blattner mit aktuellen Motiven von Rayida Barkisch.

Die rechte Hand von Wolfgang Müller-Breuer ist Oksana Blattner, die ihre Motivation schlüssig erklärt: „Als Spätaussiedlerin und Mutter von zwei Kindern weiß ich, wie schwierig der Neuanfang in Deutschland sein kann. Aber ich habe selbst die Erfahrung gemacht, wie es klappen kann und das gebe ich gerne weiter, besonders weil ich auch Russisch und Ukrainisch spreche. Da habe ich einen leichteren Zugang.“

Alle Angebote sind niederschwellig, insgesamt werden vom JMD-Träger Katholische Jugendagentur drei Orte der Begegnung betrieben, in Grevenbroich das Café Kultus, in Neuss das HAUS und in Dormagen das Jugendcafé micado mit dem Café Grenzenlos, für junge Geflüchtete. Dort nehmen aktuell besonders junge Menschen aus der Ukraine das Angebot wahr, in lockerer Umgebung ihr Deutsch zu üben.

Das ganze Team hat das Ausstellungsprojekt von Rayida Barkisch in der Stadtbibliothek mit Rat und Tat unterstützt, hat ihr bei der Vernissage die Daumen gedrückt und nun sind alle gespannt, welchen Weg die junge Künstlerin noch geht.

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Text und Bilder: Servicebüro Jugendmigrationsdienste