Bild mit vier weiblichen Jugendlichen

„Es geht nicht mehr um das Ob, sondern um das Wie” - Blended Counseling und KI in der Beratung

Digitale Beratung ist längst kein Zusatzangebot mehr, sondern fester Bestandteil professioneller Praxis. Zu diesem Fazit kommt Beraterin, Supervisorin und Referentin Petra Risau im Interview mit Lidia Skumaj, pädagogische Fachkraft beim Jugendmigrationsdienst in Frankfurt a. M., im Rahmen des Modellprojektes JMD digital-hub.

Seit vielen Jahren beschäftigt sich Petra Risau* mit Online-Beratung, Blended Counseling und digitalen Entwicklungen im psychosozialen Bereich. Im Gespräch wird deutlich, dass der Fokus heute längst nicht mehr auf der Legitimität digitaler Formate liegt, sondern auf guten Konzepten und deren zielführende Anwendung. 

Zu Beginn erläutert Petra Risau, was unter Blended-Counseling zu verstehen ist: die systematische und reflektierte Verbindung analoger und digitaler Beratungsformate innerhalb eines Beratungsprozesses. Dabei gehe es nicht um eine beliebige Aneinanderreihung von Telefon-, Video- oder Mailberatung, sondern um eine bewusste fachliche Entscheidung: Welcher Kanal ist in welcher Phase für welche Person sinnvoll? 

Der gewählte Kommunikationsweg könne selbst bereits eine Intervention darstellen. Eine Mailberatung birgt beispielsweise das Potenzial, Tempo herauszunehmen und Reflexion zu ermöglichen. Eine Videoberatung könne in konflikthaften Konstellationen deeskalierend wirken, weil räumliche Distanz emotionale Dynamiken verändere. Und gerade bei schambesetzten Themen könne schriftliche Beratung Schutz und Autonomie fördern. Blended Counseling bedeute daher Passgenauigkeit – nicht Technik um der Technik willen. 

Pandemie als Wendepunkt digitaler Beratung

Die Referentin beschreibt die Corona-Pandemie als massiven Beschleuniger digitaler Entwicklungen in der Beratung. Digitale Formate wurden aus der Not heraus eingeführt und Video- und Telefonberatung ermöglichten es, Beratungsprozesse aufrechtzuerhalten, als persönliche Begegnungen nicht möglich waren.  

Heute, so Petra Risau, stehe nicht mehr die Frage im Raum, ob Online-Beratung gleichwertig sei. In der Fachwelt werde sie mittlerweile als eigenständige und vollwertige Beratungsform anerkannt. Entscheidend sei nun die konzeptionelle Ausgestaltung: Für wen? Mit welchem Ziel? Unter welchen Rahmenbedingungen? 

Stärken und Grenzen digitaler Settings

Digitale Beratung eröffnet neue Möglichkeiten: Sie schafft niedrigschwellige Zugänge zu Unterstützungsangeboten, ermöglicht zeitliche Flexibilität – auch in asynchronen Formaten –, stärkt die Autonomie der Ratsuchenden und ist nah an der Lebenswelt junger Menschen. 
Gleichzeitig bleibe jede digitale Form eine Distanzberatung. Es gebe keinen gemeinsamen physischen Raum, keine vollständige Co-Präsenz. Technische Störungen oder Kontaktabbrüche gehörten zur Realität. Damit professionell umzugehen, sei Teil der Kompetenz. Professionelles Handeln bedeutet daher auch, die eigene Haltung zu reflektieren: Welche Formate liegen mir? Wo habe ich Bedenken? Was kann und möchte ich verantworten?

KI in der Beratung: Zwischen Offenheit und Verantwortung

Auch über den Einsatz Künstlicher Intelligenz spricht Petra Risau. Viele Jugendliche nutzen bereits selbstverständlich Tools wie ChatGPT – auch bei persönlichen Fragestellungen. 

Die Fachexpertin plädiert für Offenheit statt Abwehr: „KI ist gekommen, um zu bleiben“. Gleichzeitig warnt sie vor unkritischer Nutzung. KI könne halluzinieren oder falsche Sicherheit vermitteln. Gerade vulnerable Personen könnten emotionale Bindung zu einem Chatbot entwickeln.

Beratende sollten daher selbst Erfahrungen mit KI sammeln, die Nutzung durch Ratsuchende aktiv thematisieren, gemeinsam entstandene Ergebnisse reflektieren und Datenschutzfragen konsequent ernst nehmen. 

Neben Risiken sieht sie aber auch große Potenziale. An der Technische Hochschule Nürnberg Georg Simon Ohm wurde beispielsweise ein KI-Assistenzsystem für Mailberatung entwickelt, das bei Strukturierung, Zusammenfassung und methodischen Impulsen unterstützt. Die Verantwortung bleibe jedoch immer bei der Fachkraft. Auch spezialisierte Anwendungen wie SuchtGPT zeigen, wie KI ergänzend eingesetzt werden kann – als Informations- oder Orientierungshilfe, nicht als Ersatz zwischenmenschlicher Beziehung. 

Wunsch für die Zukunft: Das Beste aus beiden Welten

Petra Risau wünscht sich, dass Blended Counseling künftig integraler Bestandteil professioneller Beratung wird. Im Mittelpunkt stehe dabei kein Entweder-oder zwischen digitaler und Präsenzberatung vor Ort, sondern ein Sowohl-als-auch: Es gilt, digitale und analoge Beratungsformen sinnvoll miteinander zu verbinden. Digitale Räume werden dabei nicht als Notlösung verstanden, sondern als zusätzliche Möglichkeit innerhalb einer technisch gut ausgestatteten, datenschutzsicheren und konzeptionell durchdachten Beratungspraxis. Gleichzeitig brauche es weiterhin analoge Begegnung. Beziehung, Verantwortung und Reflexion blieben Kern professioneller Beratung – unabhängig vom Setting.  
Ihr Fazit im Interview bringt es auf den Punkt: “Es geht nicht mehr um das Ob digitaler Beratung, sondern um das Wie.”

Das vollständige Interview in Textform kann hier abgerufen werden.

Weitere Informationen über das Modellprojekt JMD digital-hub findet ihr hier. 
JMD digital-hub auf Instagram: @jmd_digital_


Text: Lidia Skumaj, JMD Frankfurt am Main & Eva Gaugigl, JMD Erding/ Servicebüro Jugendmigrationsdienste
Bild: Servicebüro Jugendmigrationsdienste

*Petra Risau ist Diplom-Pädagogin und Systemische Beraterin sowie Lehrbeauftragte und Trainerin für Onlineberatung, digitale Kommunikation und die Prävention sexualisierter Gewalt. Seit über 20 Jahren ist sie in der psychosozialen Onlineberatung tätig und bringt ihre Erfahrungen aus Praxis, Lehre und Qualifizierung in ihre Arbeit ein. Sie begleitet Fachkräfte und Teams in der Onlineberatung durch Coaching, Supervision und Mentoring und vermittelt ihr Wissen u.a. in Workshops, Schulungen und Vorträgen. Zudem ist sie Redaktionsmitglied beim www.e-beratungsjournal.net. Weitere Informationen und ihr Portfolio finden Sie hier.