Bild mit vier weiblichen Jugendlichen

Symbole der Migration: Virtuelle Ausstellung zeigt bewegende Geschichten junger Menschen

In einer virtuellen Ausstellung über Symbole der Migration gibt der Jugendmigrationsdienst Main-Taunus (Hofheim) jungen zugewanderten Menschen Raum für ihre Geschichten. Anhand von Erinnerungsstücken reflektierten sie ihre Migrationserfahrung als Teil ihres individuellen Lebenswegs.

Ein kleines Gebetbuch, das Bild einer Moschee, traditionelles Geschirr: In virtuellen Ausstellungsräumen werden selbstgewählte Symbole zu Migrationsgeschichten junger Menschen präsentiert.

Migration scheint häufig ein abstraktes oder überwältigendes Thema zu sein. Greifbar und erkennbar vielfältig wird es, sobald man sich mit den individuellen Geschichten Einzelner beschäftigt, ihnen zuhört und von ihnen lernt. Wie das gelingen kann, zeigen die Mitarbeitenden des Jugendmigrationsdienstes (JMD) Main-Taunus (Hofheim). Zusammen mit neun jungen Menschen mit Migrationsgeschichte kuratierten sie eine virtuelle Ausstellung mit Objekten, Dokumenten und persönlichen Erinnerungsstücken – Symbole der Migration.

Die jungen Teilnehmenden wählten die Gegenstände selbstständig aus und beschreiben in der Ausstellung, welche Bedeutung sie für sie haben. Ein Prozess, der Zeit, Konzentration und Reflexion erforderte, macht JMD-Mitarbeiterin Anna Meißner deutlich. „Ein Symbol oder ein Erinnerungsstück zu finden, das war für die Teilnehmenden recht einfach, da kamen die Ideen sehr schnell. Aber dann die Brücke zu schlagen, welche Bedeutung es hat, das war das Spannende. Wir haben in sehr intensiven Gesprächen dabei unterstützt, die Verbindung zwischen dem Gegenstand und der eigenen Migrationsgeschichte herzustellen. Dabei gab es für die Jugendlichen wirklich Aha-Momente.“

Symbol für die Zukunft

Hasibullah Akrami war einer der Teilnehmenden, sein gewählter Gegenstand stand für ihn sofort fest: ein Fußball. „Ich habe mir das von Anfang an überlegt. In meinem Heimatland habe ich schon Fußball gespielt, aber ich hatte nicht die Möglichkeit, in einen Verein zu gehen und mich weiterzuentwickeln. Meine Eltern haben mir das auch nicht erlaubt – auch zu Recht, weil wenn man nach draußen in die Stadt geht, weiß man nicht, ob man wieder lebend zurückkommt, weil jederzeit eine Bombe hochgehen kann. Das ist der Unterschied und das war schon für mich ein großer Grund, warum ich hier bin“, erzählt der 18-Jährige aus Afghanistan. Der Fußball, steht in Hasibullahs Handschrift unter dem Ausstellungsstück, ist ein Symbol für seine Vergangenheit und bedeute gleichzeitig seine Zukunft.

Als sein Vater ihm damals sagte, dass sie nach Deutschland gehen werden, habe er sich riesig gefreut. Er schätzt die hiesigen Möglichkeiten und die Sicherheit. Sein Symbol der Migration brachte ihn aber auch zum Nachdenken: „So in die Vergangenheit zu blicken und diesen großen Unterschied zu sehen, das ist schon auch schade. Als ich darüber geschrieben habe, hat es mich ein bisschen traurig gemacht, weil ich seit sieben, acht Jahren mein Heimatland nicht gesehen habe.“

Themen, die Raum brauchen

Die Ausstellung soll zeigen, wie vielfältig die Aspekte von Migration sind und wie individuell die Erfahrungen. Sorgen und Verluste spielen eine Rolle, aber auch Hoffnung und Erfolg. Hasibullah erklärt, was er sich durch seine Teilnahme wünscht: „Mir persönlich ging es darum, dass Menschen erkennen, dass Flüchtlinge – nicht nur ich, auch andere – nicht einfach so hierher kommen, sondern ihre Gründe haben. Und dass es nicht einfach ist. Dass wir Hilfe gebraucht haben.“

Der Fußball ist für Hasibullah Akrami ein Symbol für seine Vergangenheit und seine Zukunft und sein Symbol der Migration.

Die eigene Flucht- und Migrationsgeschichte wird in der alltäglichen JMD-Arbeit schon mal angesprochen, jedoch geht es dort hauptsächlich um Fragen rund um Schule, Ausbildung und Beruf, zu denen die Mitarbeitenden konkret beraten und die Ratsuchenden begleiten. Gruppenprojekte wie die virtuelle Ausstellung können dann anderen Themen den nötigen Raum geben. „Ich glaube, dass es einigen geholfen hat, auch biografieorientierte Themen zu bearbeiten. Vielleicht in einem kleinen Umfang oder als ein Anschubser, aber auf jeden Fall haben solche Projekte großen Mehrwert für die Jugendlichen“, findet Anna Meißner. Der spielerische Zugang über das Symbol habe den richtigen Rahmen gesetzt.

Großes Glück und neue Chancen

Die Ausstellung war für Hasibullah nicht das erste JMD-Projekt. Er kam vor etwa drei Jahren zum JMD in Hofheim, als er Unterstützung beim Schreiben von Bewerbungen suchte. Passenderweise wurde gerade zu dem Zeitpunkt ein Angebot zu genau dem Thema durchgeführt: Lebensläufe und Anschreiben erstellen, Bewerbungsfotos machen und so weiter. „Das war wirklich ein großes Glück für mich und meine Freunde“, erzählt Hasibullah. „Generell hat mir das wirklich gefallen, da mit Menschen zusammenzusitzen, neue Menschen kennenzulernen. Alle sind so nett und bieten mir viele Möglichkeiten, die nicht jeder hat.“ Danach war er immer wieder mit dem JMD in Kontakt, nahm an Gruppenangeboten und Projektarbeiten teil.

Dieses Jahr beendet der junge Mann seine schulische Ausbildung und beginnt sein Fachabitur. Anschließend möchte er studieren. Nebenbei spielt er – natürlich – im Fußballverein und geht damit nicht nur einer Leidenschaft nach. Der Fußball, der ihn an die Vergangenheit in Afghanistan erinnert und an die Zukunft in Deutschland denken lässt, schreibt er unter seinem Ausstellungsstück, bedeute für Hasibullah eine Chance, die er nutzen möchte.

Mit der virtuellen Ausstellung „Symbole der Migration“ hat der JMD Main-Taunus (Hofheim) den zweiten Platz beim Wettbewerb der Jugendmigrationsdienste 2020 gewonnen und wurde damit zu den Besten der knapp 40 Projekte gewählt. Mehr Informationen und die interaktive PDF zur Ausstellung unter coronamachtkreativ.de. Im Rahmen der Interkulturellen Woche 2021 werden die Symbole der Migration nun auch analog präsentiert.


Zum JMD Main-Taunus (Hofheim) (Diakonie Hessen)

Text: Servicebüro Jugendmigrationsdienste / Bilder: JMD Main-Taunus (Hofheim)